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#35.20 Man nannte sie „Asoziale": Arbeitszwang und „völkische Leistungsgemeinschaft"

Shownotes

Was bedeutet es, wenn ein Staat den Wert eines Menschen an seiner Arbeit misst? Die Nationalsozialisten gaben darauf eine radikale Antwort. Arbeit war für sie kein Mittel zum Leben, sondern Pflicht gegenüber der „Volksgemeinschaft" — und wer nicht „nützlich" war, galt als Ballast.

Verband für das Erinnern an die verleugneten Opfer des Nationalsozialismus: https://www.dieverleugneten-vevon.de/

Melde dich und unterstütz mich doch auf Patreon oder mit Paypal: https://linktr.ee/deutschland33_45pod

Ausgewählte Literatur:
Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, München 2007.
Günter Morsch: Arbeit und Brot. Studien zu Lage, Stimmung, Einstellung und Verhalten der deutschen Arbeiterschaft 1933-1936/37, 1933.
Man­fred Ban­now: Das Ar­beits­la­ger Teu­fels­moor, Blogbeitrag 2018: https://www.spurensuche-kreis-osterholz.de/spur/das-arbeitslager-teufelsmoor/
Frank Nonnenmacher (Hrsg.): Die Nazis nannten sie „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“. Verfolgungsgeschichten im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik, 2024. Darin der Beitrag von Ines Eichmüller über ihren Urgroßvater Leonhard!

Intro-Musik arrangiert und vertont von Max, Auszüge aus Reden von Hermann Goering – Verkündung der Nürnberger Gesetze und Adolf Hitler – Reichstagsrede – Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, via www.archive.org
Bildnachweise: Bundesarchiv Bild 146-1977-149-13, Hermann Göring, Adolf Hitler, Albert Speer (Bundesarchiv, Bil d 146-1977-149-13 / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0), Flgzeugträger "Graf Zeppelin", Hitler bei Stapellauf (Bundesarchiv, Bild 183-2006-0810-500 / CC-BY-SA 3.0), Adolf Hitler and Hermann Göring in 1938 (Bundesarchiv, Bild 183-2004-1202-504 / CC-BY-SA 3.0)

Episodenbild: Militärischer Drill beim Arbeitsdienst, 1934, aus: Johannes Volker Wagner: Hakenkreuz über Bochum, 1983, S. 349.

Tags:
#Neuere_und_neueste_Geschichte
#Deutschland

Transkript anzeigen

00:00:00: Führte bei Nürnberg im Sommer.

00:00:04: Am Gännsberg kannte fast jeder den Loner, das war der Spitzname von Leonhard Eichmüller geboren, Schreiner, Frührentner und Vater von zehn Kindern.

00:00:14: In Fürz von Kriminalität und Armut gebeuteltem Arbeiterviertel galt Loner als Galantamacher, der es mit dem Gesetz nicht immer genau nahmen um seine Familie zu ernähren.

00:00:25: Er war auch ein geschickter Kartenspieler und jemand, der kein Blatt vor dem Mund nahm.

00:00:29: Wie viele auf dem Gänzberg verachtete er die Nazis.

00:00:33: Vermutlich beobachtete die Polizei den Loner deshalb schon länger, dann im August verhafteten ihn zwei Gestapo-Beamte – nicht still und heimlich sondern vor aller Augen!

00:00:45: Mehrere Kilometer prügelten sie ihnen durch das Viertel.

00:00:49: Lonas siebenjähriger Sohn wollte den Vater nicht im Stich lassen und rannte hinterher.

00:00:53: Dafür bekam auch er Schläge und Tritte.

00:00:57: Bis Mitte September blieb der Vater im Polizeiarrest, dann wurde er als sogenannte Arbeitszwangshelftling ins Konzentrationslager Dachau verschleppt.

00:01:06: Erst nach einem Jahr wurde er wieder entlassen.

00:01:08: Warum Leonhard Eichmüller verhaftet wurde, wissen wir nicht mit Sicherheit – eine Anklage gab es nicht.

00:01:15: Möglicherweise stand der Polizei auch gar kein klarer Grund vor Augen.

00:01:19: Klar war nämlich nur dass Menschen wie der Lohner im neuen Deutschland keinen Platz haben sollten!

00:01:40: Hi und willkommen zu Deutschland- Thirty-Fünfundvierzig.

00:01:56: Folge thirty-fünfzwanzig, man nannte sie asoziale Arbeitszwang und völkische Leistungsgemeinschaft.

00:02:15: Am Ende der letzten Folge hatte ich euch mit einem Wort allein gelassen – der Völkischen Leistungsgemeinschaft!

00:02:22: Diesen Begriff von seinen Folgen für die Politik der Nationalsozialisten und das Leben am Führter Gensberg und vielen ähnlichen Wohnvierteln heute würden wir sagen sozialen Brennpunkten schauen wir uns heute an.

00:02:34: Dazu müssen wir beim Begriff der Arbeit anfangen.

00:02:38: Normalerweise denken wir bei Arbeit an Mühe und Anstrengungen, an etwas das selten Spaß macht – aber eben auch an etwas mit einem Zweck!

00:02:47: Man verdient sein Brot, man bezahlt die Miete, man befriedigt, abstrakt gesprochen seine Bedürfnisse.

00:02:54: Arbeit in diesem Sinn ist für den da, der sie leistet.

00:02:58: Bei den Nazis klang das anders.

00:03:01: Schrieb Adolf Hitler in mein Kampf, diene gerade nicht den persönlichen Überleben oder der Bedürfnisbefriedigung.

00:03:07: Sie sei vielmehr eine Tätigkeit die ich nicht um meiner Selbstwillen ausübe sondern auch zugunsten meiner

00:03:14: Mitmenschen.".

00:03:16: Das klingt jetzt erst einmal recht vernünftig, oder?

00:03:20: Sogar Anschluss fähig an Debatten, die wir heute noch führen!

00:03:24: Mein lieber Freund Jan Skutlarek hat ja mal dieses wirklich alltagstaugliche Philosophie Büchlein geschrieben, wenn jeder an sich denkt ist nicht an alle gedacht.

00:03:35: Aber Hitler und die Nazis meinten das natürlich nicht so wie der Jan!

00:03:39: Wie es gemeint war, dass hatte Hitler schon in einer seiner frühen Reden verraten.

00:03:47: Arbeit soll das große bildende Glied und soll aber auch das große Trennende sein.

00:03:53: Die Drohne ist unser aller Feind, der Schaffende Aber – Das ist das deutsche Volk!

00:03:59: Verbinden und trennen durch-und entlang der Arbeit.

00:04:03: Das wird sich als roter Faden durch diese Folge ziehen.

00:04:07: Beginnen wir mit dem Weltbild hinter dem braunen Verständnis von Arbeit.

00:04:11: Ausgangspunkt ist hier auch der Sozialdavidismus der Kampf aller gegen alle.

00:04:16: Manchmal wird ja der Eindruck erweckt, als hätten die Nazis dieses Prinzip irgendwie total toll gefunden.

00:04:22: Dem würde ich jetzt nicht zustimmen – da machen wir es uns nämlich viel zu einfach!

00:04:26: Hilfreicher ist es sich den Zwangskarakter des Alle gegen alle vor Augen zu halten.

00:04:32: Die Welt war eben so….

00:04:34: Der erbarmungslose Überlebenskampf war ein Naturgesetz, ein Grundprinzip des Daseins.

00:04:39: Am Ende konnte sich die Menschheit dabei sogar vielleicht selbst vernichten.

00:04:44: Allerdings gab's eine Hoffnung den Sieg des Arias über die anderen Menschen rassen.

00:04:50: Denn der Arya, so glaubten die Nazis besass eine besondere Anlage – die Fähigkeit echte dauerhafte Gemeinschaften zu bilden!

00:04:59: Nur er konnte das Chaos des Alle gegen alle unter seines gleichen jedenfalls überwinden – gemeinsam statt einsam sozusagen.

00:05:09: Gebunden war diese Fähigkeiten aber nicht an Sozialisation sondern an die Biologie.

00:05:14: Die Volksgemeinschaft wurde als eine Blut- und Abstammungsgemeinsicht gedacht.

00:05:19: Und damit war auch klar, wofür der Einzelne zu arbeiten hatte – nicht für sich sondern für diese Gemeinschaft!

00:05:26: Später verdichtete die braune Staatsbürokratie das auf eine griffige Formel.

00:05:31: Im nationalsozialistischen Staat arbeitet der Mensch nicht mehr umzuleben, sondern erlebt, um für Deutschland zu arbeiten.

00:05:41: Das war im Kern die Völkische Leistungsgemeinheit.

00:05:45: Diesen neuen Gedanken aber mussten die Deutschen allen voran die Arbeiterschaft erst noch lernen.

00:05:49: Das wussten die Nazis, denn der liberale Staat hatte ihn über Jahrzehnte Flausen in den Kopf gesetzt – Flauson von Arbeitsmarkt und Bedürfnisbefriedigung.

00:05:59: Für dieses Erziehungswerk war unter anderem die Deutsche Arbeitsfront zuständig.

00:06:04: In einer Verordnung über ihre Ziele vom Oktober, Das Ziel der deutschen Arbeitsfront ist die Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen.

00:06:16: Sie hat dafür zu sorgen, dass jeder einzelne seinen Platz im wirtschaftlichen Leben der Nation in der geistigen und körperlichen Verfassung einnehmen kann, die ihn zur größten Leistung befähigt – und damit den größten Nutzen für die Volksgemeinschaft gewährleistet!

00:06:34: An diesem Wort hängt einiges, denn politisch rechtfertigte der Gedanke der Leistungsgemeinschaft zwei frühe Weichenstellungen.

00:06:43: Erstens die Entmachtung der Arbeiterbewegung und die Entrechtung der Arbeitnehmerschaft Und zweitens die Selektion von Menschen zweifelhafter Nützlichkeit zur Erziehung, zur Verwahrung und am Ende zur Vernichtung.

00:06:59: Diese letzte schreckliche Konsequenz spielte in der Propaganda keine große Rolle.

00:07:04: Geheim gehalten wurde sie aber auch nicht.

00:07:07: Schon in mein Kampf hatte Hitler klargestellt, wer leben will der Kämpfe also und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens verdient das Leben nicht.

00:07:27: Denn alles, was nicht verfiebert zur Arbeit drängt und sich zur Arbeit bekennt ist im Nationalsozialismus zum Absterben verurteilt.

00:07:38: Schon das NSDAP-Parteiprogramm von nineteenhundertzwanzig hatte diesen Gedanken zu Schau gestellt – wer bewirksam und laut in Punkt sieben?

00:07:46: Wir fordern, dass sich der Staat verpflichtet, in erster Linie für die Erwerbs- und Lebensmöglichkeiten der Staatsbürger zu sorgen!

00:07:53: Und leiser aber präziser in Punkt zehn.

00:07:56: Erste Pflicht, jedes Staatsbürgers muss es sein geistig und körperlich zu schaffen.

00:08:01: Hatten sich die Nazis das alles selbst ausgedacht?

00:08:05: Nein!

00:08:05: Und genau das macht die Sache unbequem für uns.

00:08:08: Dieses Recht auf Arbeit der werbewirksame Punkt Nr.

00:08:12: sieben sieht auf den ersten Blick so aus als sei er bei der Arbeiter-Bewegung abgekupfert.

00:08:17: Sozialistische Denker hatten schon im neunzehnten Jahrhundert darüber diskutiert.

00:08:21: Unumstritten war's dort nie.

00:08:23: Karl Marx schrieb um Kapital.

00:08:25: Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten – dass durch Not und äußere Gesetzmäßigkeiten bestimmt ist – aufhört.

00:08:34: Dahinter stand die Utopie der selbstbestimmten nicht mehr entfremdeten Arbeit jeder nach seinen Bedürfnissen.

00:08:41: Dass die real existierenden kommunistischen Diktaturen das Recht auf Arbeit später zum allgemeinen Arbeitszwang um Münsten gab dieser Skepsis im Nachhinein recht.

00:08:53: auch wenn sich die Ergebnisse erähneln ist die nationalsozialistische Logik nicht mit der kommunistischen identisch.

00:08:59: Im Kommunismus galt der Arbeitszwang als ein notwendiges Übel, das ideal war und blieb das Marxche jedem nach seinen Bedürfnissen – soweit weg die Realität von diesem Ideal dann auch

00:09:11: war.".

00:09:12: Im Nationalsozialismus war der Arbeitsbegriff zutiefst rassistisch aufgeladen.

00:09:17: Die Arbeit des einzelnen diente allein der Gemeinschaft!

00:09:20: Ziel war nicht die Bedürfnisbefriedigung, sondern der Sieg der eigenen Blut- und Abstammungsgemeinschaft im Rassenkampf.

00:09:28: Anschlussfähig war das braune Denken an einer anderen Stelle – an die bürgerliche Ideenwelt und zwar in zweifacher Hinsicht!

00:09:35: Der erste Anknüpfungspunkt war die Eugenik, die Sozialtheorie der Rassenhygiene, die seit dem ausgehenden XIX Jahrhundert auch in Deutschland verbreitet war.

00:09:44: Ich habe darüber schon mehrfach gesprochen….

00:09:47: Die selbsternannten Eugeniek-Experten führten soziale Probleme auf biologische Ursachen zurück.

00:09:53: Massenarmut, Kriminalität, Krankheit – all das wollten sie durch die Fortpflanzungssteuerung in Wohlgefallen auflösen!

00:10:01: Wer vermeintlich nützliche Anlagen hatte, sollte mehr Kinder bekommen.

00:10:05: Wer vermeindlich Unnütze hatte, möglichst keine.

00:10:10: Der zweite Anknüpfungspunkt reicht noch weiter zurück bis in die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts.

00:10:15: Das ist die Geburtsepoche des bürgerlich-liberalen Denkens.

00:10:19: Ein Kerngedanke der Aufklärung war, dass der Mensch erziehbar isst Die Schattenseite dieser eigentlich ja fortschrittlichen Idee.

00:10:27: Wer grundsätzlich erziehbaist lässt sich auch zur Arbeit erziehen zum größeren Nutzen der Gesellschaft.

00:10:35: Nicht zufällig war die Aufklärungen auch die Zeit in der man mit neuen Institutionen zu experimentieren begann Mit Gefängnissen sogenannten Irrenanstalten und mit Arbeitshäusern, wo aus sozialen Randgruppen nützliche Mitglieder der Gesellschaft geformt werden sollten.

00:10:53: Damit stellt sich eine Frage die ich hier nicht zufriedenstellend beantworten kann – das schon mal vorweg!

00:10:58: Aber die euch hoffentlich zum Nachdenken anregt auch über die kommenden Staffeln hinweg….

00:11:03: Verkauften die Nazis am Ende nur bereits etablierte Ideen der bürgerlichen Welt aber eben auf Steroiden?

00:11:11: Oder manipulierten sie dieses Denken gezielt, um ein etwas Vertrautes anzudocken und davon zu zähren wie ein Parasit der einen Wirtskörper befällt.

00:11:23: Blicken wir nur auf die NS-Sprache spricht vieles für einen echten Bruch.

00:11:28: Wo man früher vom Arbeitsmarkt gesprochen hatte sprach man in Nazi Deutschland zunehmend vom Arbeitseinsatz.

00:11:35: Der Unterschied ist keine Wortklauberei.

00:11:37: Ein Markt unterstellt dass Arbeitskraft eine Ware ist deren Preis sich nach Angebot und Nachfrage richtet.

00:11:43: Arbeitseinsatz dagegen meint, der Staat lenkt die Arbeitskraft dorthin wo er sie braucht.

00:11:48: Damit setzte sich der Nationalsozialismus bewusst ab von eben jener bürgerlich-liberalen Gedankenwelt.

00:11:56: Das Reichsarbeitsministerium hielt das später, nineteenhundertundvierzig noch einmal unmissverständlich fest als es Behörden rügte, die immer noch vom Arbeitsmarkt sprachen.

00:12:07: Die Bezeichnung Arbeitsmarkt beruht auf der liberalistischen Vorstellung, dass die Arbeitskraft der schaffenden Menschen eine wahre Darstelle deren Bezahlung sich wie einem Markt nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage richtet.

00:12:22: Der Begriff Arbeitseinsatz dagegen bringt den Gesichtspunkt der staatlichen planvollen Lenkung der Arbeitskraft nach übergeordneten staatspolitischen Notwendigkeiten zum Ausdruck.

00:12:33: Und die sind Inhalt und Aufgabe der Arbeitsensatzpolitik im nationalsozialistischen Staat.

00:12:41: Aus der Sprache wurde dann relativ schnell Gesetz, Das Gesetz zur Regelung des Arbeitseinsatzes vom Fünfzehn-Main-Ninzehundertdreißig gab Reichswirtschaftsminister Schacht weitreichende Vollmachten, die er zum Teil an die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung weiterreichte.

00:12:59: Es schränkte zuerst die Freizügigkeit ein.

00:13:02: Für Gebiete mit hoher Arbeitslosigkeit – z.B.

00:13:04: Berlin, Hamburg oder Bremen – gab es nun Zuzugsperren damit freie Stellen zuerst vor Ort besetzt werden konnten.

00:13:12: Außerdem griff das Gesetz in einzelne Berufswege ein.

00:13:16: Landarbeiter durften einen Job in der Industrie nur noch mit Zustimmung des Arbeitsamtes annehmen.

00:13:21: Wer unter twenty-fünfundzwanzig und ledig war, musste seinen Arbeitsplatz räumen und in den Arbeitstienst oder die Landhilfe gehen.

00:13:29: Der Arbeitsplatz sollte von älteren Arbeitssuchenden besetzt werden.

00:13:33: Ausgenommen war nur wer schon Arbeitsdienst geleistet hatte bei der Reichswehr gewesen oder vor neunzehnhundertdreißig in die NSDAP eingetreten.

00:13:45: Bis nineteenhundertfünfunddreißig wurden so über hunderttausend Stellen neu besetzt.

00:13:50: Beliebt war das nicht und mit Einführung von Arbeitsdienst- und Werpflicht versandete, dass Arbeitsplatzwechselprogramm dann einfach weil junge Menschen nun eh mehrere Jahre lang dem Arbeitsmarkt entzogen wurden.

00:14:05: Auch auf den wachsenden Mangel in bestimmten Branchen reagierte die Arbeitsverwaltung.

00:14:10: Wo Facharbeiter knapp wurden, vor allem in der Rüstung überboten sich die Betriebe längst mit Prämien und Zulagen.

00:14:17: Manch ein Schlosser oder Dreher nutzte das und wechselte im Monatstag den Arbeitgeber – auch das wurde unterbunden.

00:14:25: Metallarbeiter durften dem Betrieb ohne Genehmigung nicht mehr wechseln.

00:14:30: Apropos Arbeitsdienst!

00:14:32: Den hatten wieder einmal nicht die Nazis erfunden.

00:14:35: Der freiwillige Arbeitstienst war schon nineteenhundertdreißig mitten in der Weltwirtschaftskrise gegründet worden.

00:14:42: Ein bisschen ging es dabei auch um Arbeitsbeschaffung, dahinter steckte aber noch mehr nämlich die Erziehung zur Arbeit durch Disziplin.

00:14:51: Wer sich verpflichtete wohnte in Lagern, marschierte zum Einsatzort und war strengen Vorschriften unterworfen, die den Alltag regelten.

00:14:59: Der Arbeitsdienst war also von Anfang an eine protomilitärische Organisation.

00:15:05: Die Nationalsozialisten machten daraus erst relativ spät einen Pflichtdienst für alle jungen Männer, den sogenannten Reichsarbeitsdienst abgekürzt RAD.

00:15:16: Warum so spät?

00:15:17: Nämlich im Juni-Ninzehntundhundertfünfunddreißig.

00:15:20: Nun hauptsächlich deshalb weil man negative Reaktionen im Ausland fürchtete.

00:15:24: Erst als die Einführung der Wehrpflicht ohne nennenswerte diplomatische Konsequenzen blieb war der Weg für den Reichsarbeitdienst frei!

00:15:33: Nun wurde aus der protomilitärischen Organisation eine waschechte paramilitärische Anstalt.

00:15:40: Der RAD sollte Arbeitssoldatenformen, die sich ohne Morren in die Betriebsgefolgschaft einreiten.

00:15:48: Das Vokabular sagt schon viel – Soldaten, Gefolgshaft-, Arbeit als Dienst nicht als Lohnverhältnis.

00:15:55: Ein zweites Instrument zur Disziplinierung und Kontrolle wurde absichtlich nicht mit Propagandagetöse eingeführt Es war aber mindestens genauso folgenreich.

00:16:05: Ende Februar, in den letzten Jahren wurde das sogenannte Arbeitsbuch zur Pflicht.

00:16:10: Jeder Beschäftigte bekam eines.

00:16:12: Bis in den ersten Jahren waren über zwanzig Millionen Exemplare im Umlauf.

00:16:17: Beim Arbeitsamt lief als Gegenstück die sogenannte Arbeitsbuchkarte.

00:16:22: Was darin festgehalten wurde, ließ sich wie ein Albtraum unserer Datenschützer.

00:16:27: Berufsausbildung und besondere Kenntnisse, der aktuelle und sämtliche frühere Arbeitgeber dazu persönliche Merkmale inklusive körperliche Einschränkungen natürlich die Staatsangehörigkeit aber eben auch Anmerkungen zur politischen Vergangenheit und zu Lebensführung.

00:16:43: Wer ein Arbeitsbuch besaß war erfasst und damit kontrollierbar.

00:16:49: Wozu das gut sein sollte.

00:16:51: daraus machte die Führungsebene der Arbeitsverwaltung intern kein Geheimnis.

00:16:56: Friederich Sirup, ein gelernter Ingenieur war seit nineteenhundertzwanzig Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung.

00:17:03: Dem politischen Umbruch hatte er heil überstanden und er machte keinerlei Anstalten gegen die Pläne der Macht habe zu oponieren – eher im Gegenteil.

00:17:11: Im Spätsommer, neunzehntundhundertsechsunddreißig sprach er auf der vierten Jahrestagung der Reichsarbeitskammer, das war eine Unterorganisation der DAF, offenherzig resonierte Sirup über den eigentlichen Zweck des Arbeitsbuches Aber – ich darf doch vertraulich sagen, es ist vielleicht bekannt, darf aber nicht offen ausgesprochen werden.

00:17:31: Der weitere Sinn des Arbeitsbuches ist natürlich die Vorbereitung der wirtschaftlichen Mobilmachung ganz absolut!

00:17:40: Die Erfassung und Steuerung der Arbeitskraft diente mittelbar der Kriegsvorbereitung.

00:17:55: Verfolgt wurde dieses Verbrechen auf drei Ebenen, die ineinandergriffen.

00:18:00: Die erste Ebene war der Betrieb selbst.

00:18:02: Hier griff die Betriebsführung durch Verwarnung, Vorladung zum Vertrauensarzt Strafzahlungen Versetzung in eine Strafabteilung.

00:18:10: Die zweite Ebene umfasste den Normenstaat.

00:18:13: Ihr erinnert euch vielleicht noch an diesen Begriff.

00:18:15: Das war die Ebene der Gesetze, Verordnungen und Gerichte.

00:18:19: das Arbeitsamt verwahnte Der zuständige Treuhänder der Arbeit zeigte bei Gericht an Und dann folgte ein Strafverfahren.

00:18:27: Das endete in Geldbuße, kurzen Arrest oder im Ernstfall im Gefängnis- oder Arbeitshaus.

00:18:33: Die dritte Ebene war der Maßnahmenstart.

00:18:36: Hier lud die Gestapo vor um abzuschrecken verschleppten Menschen entweder für bestimmte Zeit in einem Arbeitserziehungslager oder langfristig ins Konzentrationslager.

00:18:48: Man darf sich das aber nicht als sauber durchdachtes System vorstellen.

00:18:51: Das Regime verfuhr nach keinem Masterplan, es wurde improvisiert und magere diese Malienegruppe ins Visier – doch lässt sich die Summe dieser Eingriffe mit einem Bild fassen….

00:19:03: Boiling the Frog!

00:19:05: Der Frosch wird nicht ins kochende Wasser gesetzt da würde er ja wieder raus springen.

00:19:09: statt dessen erhöht man nach und nach die Temperatur.

00:19:13: Die massiven Eingriffe in die Arbeitswelt wurden, so alltäglich, dass die Deutschen sie irgendwann nicht einmal mehr bemerkten.

00:19:20: Jedenfalls dann nicht, wenn Sie ihm nicht ummittelbar zum Opfer fielen!

00:19:25: Wo aber mehrere Stellen gleichzeitig.

00:19:28: Zugriffen gerieten sich auch in die Quere?

00:19:31: Machtgerangel war eben Alltag im braunen Herrschaftssystem.

00:19:35: Ein besonders schlagendes Beispiel hierfür ist das Hin und Her zwischen Reichsarbeitsministerium und Gestapo im Jahr nineteenhundertfünfunddreißig.

00:19:44: Auslöser waren in Aktionen der Gestapo wie die Verhaftung sogenannte asozialer Betriebsführer.

00:19:50: Reichs Arbeitsminister Franz Selte pochte darauf, schutzhaft dürfe die Gestapo nur verhängen wenn Gefahrenverzug und die staatliche Ordnung gefährdet sei.

00:20:00: In den zurückliegenden Fällen aber handele es sich bloß um soziale Vergehen, und dafür seien ja die Treuhänder der Arbeit zuständig.

00:20:08: Die aber – welche Überraschung?

00:20:09: – fielen in dem Kompetenzbereich des RAM.

00:20:13: Hinter dem Streit stand seltes Sorge, dass die Gestapo sich mit lokanen Parteistellen und DHF-Funktionären verbünden könnte und so die Autorität seines Ministeriums untergraben.

00:20:25: Formal hatte selte sogar Recht.

00:20:27: Im April hierher hatten sich ja Reichsinnenminister Frick, Reichsführer SS Heinrich Himmler und der preußische Ministerpräsident Hermann Göring auf einen Kompromiss bei der Schutzhaft geeinigt.

00:20:39: Fortan war der Gestapo die Verfolgung reiner Wirtschaftsvergehen ausdrücklich untersagt – nur ließ sich auf Basis des totalen NS Arbeitsbegriffs gar keine saubere Linie ziehen zwischen einem Wirtschafts- vergehen und einem Staatsverbrechen!

00:20:55: Genau in diese Lücke stieß die Gestapo.

00:20:58: Im Dezember hier antwortete der Chef des geheimen Staatspolizeiamtes, also der Gestapozentrale, betont höflich auf die Rüge des Arbeitsministeriums.

00:21:10: Das RIM habe völlig recht – man werde sich in Zukunft eng mit den Treuhändern abstimmen!

00:21:15: Damit war die Sache aber nicht erledigt, denn der Chef der Gestapa, ihr erinnert euch vielleicht, war niemand geringeres als Reinhard Heydrich und Heidrich scherzte sich nicht um die Befindlichkeiten der Ministerialbürokratie.

00:21:31: Schon Anfang Januar, nineteenhundert fünfunddreißig verhaftete die Gestapo erneut einen Unternehmer, der angeblich eine Arbeitsniederlegung provoziert hatte.

00:21:40: Selte erkannte dass er getäuscht worden war und beschwerte sich diesmal direkt beim obersten Dienstherrn der Gestapo dem preußischen Ministerpräsidenten Göring.

00:21:49: Der Schachzug ging nach hinten los.

00:21:51: Göring interessierte sich nicht die Brone für das Kompetenzgerangel und reichte die Sache zurück ans Gestapo.

00:21:57: Prompt bekam selte Wiederpost von Heidrich.

00:22:01: Noch einmal gab es sich Himmlers rechte Hand betont höflich, aber in der Sache blieb er hart.

00:22:06: Der in Rede stehende Fall sei doch wie aus einem Lehrbuch!

00:22:09: Die Arbeitsniederlegung habe die öffentliche Ordnung gefährdet – Gefahr seien Verzug gewesen, die Gestapo habe eingreifen müssen….

00:22:17: Punkt Das RRM zog daraus den Schluss, dass mit der Gestapo kein Kompromiss zu finden war.

00:22:24: Fortan informierte es die Geheimpolizei nur noch im Ausnahmefall über Vorgänge in den Betrieben – das wiederum brachte Heidrichsleute auf die Palme und entlockte zur Abwechslung ihnen selbst einige offizielle Beschwerden.

00:22:39: Diese Episode ist erhellend, sollte aber nicht den Eindruck erwecken ein sei die Gestapo auf dem Feld der Arbeitszwangspolitik die treibende Kraft gewesen.

00:22:48: Zu jener Zeit war sie das nicht, übrigens auch nicht die SS und auch nicht NSDAP.

00:22:54: Die eigentlich treibende Kraft – das waren die alteingesessenen Verwaltungen oder genauer gesagt die Beamten in den Wohlfahrts- und Fürsorgeämtern und auch die Funktionäre der Sozialverbände.

00:23:06: Schon in der Weimar Republik hatten Fürsorgebeamte und Sozialverbinde immer wieder gefordert, härter gegen vermeintliche Sozialschmarotzer und Schädlinge vorzugehen!

00:23:15: Bereits in dieser Zeit bürgerte sich unter den Verwaltungsleuten der später offiziell gepflegte Sprachgebrauch von den Asozialen ein.

00:23:24: Die Vertreter einer harten Linie in der asozialem Politik wollten einen Bewahrungsgesetz, das den örtlichen Ämtern mehr Spielraum bei der Einweisung gegeben hätte – mehr Zugriff, fast schon so etwas wie Polizeigewald!

00:23:38: Nur scheiterten solche Initiativen immer wieder an den rechtsstaatlichen Hürden.

00:23:44: Dabei war die juristische Handhabe der Behörden im Vergleich zu heute extrem umfangreich.

00:23:50: Seit nineteenhundertzwanzig galt die sogenannte Reichsfürsorge-Flichtverordnung, kurz RFV.

00:23:56: Die Paragrafen neunzehnundzwanzIG der RFV regelten das folgende.

00:24:03: Wer lange erwerbslos war oder für den Unterhalt seiner Familie nicht aufkam, den konnte das Amt zu gemeinnütziger Arbeit zwingen.

00:24:10: wem es zusätzlich Sittliches Verschulden seiner Situation attestierte, den konnte er sogar zur Zwangsarbeit in ein sogenanntes Arbeitshaus einweisen.

00:24:22: Nach neunzehundertdreien dreißig bekamen die Behörden dann endlich die freie Hand, die sie sich solange gewünscht hatten – zwar versprach der Deutsche Nationale Reichsjustizminister Franz Gürtner eine große Reform des Strafrechts, in der auch der Umgang mit arbeitspflichtenden Fürsorge geregelt werden sollte.

00:24:40: Doch von oben tat sich in den nächsten zwei Jahren wenig.

00:24:44: Und so preschten die lokalen Behörden in Eigenregie vor, indem sie die latent gummiartigen Paragrafen der RVF maximal breit auslegten – wer sagt schon was ein sitliches Verschulden ist?

00:24:59: Im Visier der Fürsorge hatten ohnehin schon sehr verschiedene Menschengruppen gestanden darunter Bettler, Landstreicher, Wohlstandserwerblose aber auch Alkoholiker und Alleinerziehende.

00:25:09: Nach neunzehntundunddrein dreizig wurde das Visier rasch neu justiert.

00:25:14: Ein Bonner Stadtrat definierte die Asozialen in einer Fachzeitschrift als jene, die weltanschaulich verseucht sind und die das Schlagwort des früheren Systems jeder der nicht arbeitet den muss der Staat aushalten sich zu eigen gemacht haben.

00:25:31: aber auch hier blieb es nicht bei Worten.

00:25:33: Jedes Amt experimentierte nun auf seine Weise und deshalb sollen hier einige Schlaglichter gesetzt werden.

00:25:40: Im Juli, in den letzten Jahren erließ beispielsweise der Landes- und Bezirksfürsorgeverband Berlin eine Verfügung über die Unterbringung asoziala und erweiterte das städtische Arbeitshaus in Rummelsburg.

00:25:55: Hier sollten asoziale arbeitsfähige und arbeitsunfähige Männer und Frauen von achtzehn Jahren ab untergebracht werden, wenn ihr geistiger oder siddlicher Zustand ihre Bewahrung erforderte.

00:26:09: Also sprich, wenn das Amt meint die sollten eingewiesen werden.

00:26:13: Objektive Kriterien werden hier nicht genannt.

00:26:17: In Bayern entstand zur selben Zeit gemeinsam mit dem Reichsinnenministerium der Landesverband für Wanderdienst.

00:26:24: Dieser Apparat sollte die örtlichen Behörden koordinieren und ein Kontroll- und Verwahrungssystem gegen Bettler und Landstreiche

00:26:31: aufbauen.".

00:26:32: In Stuttgart eröffneten mindestens zwei Beschäftigungslager für asoziale Fürsorgeempfänger.

00:26:38: Die Frankfurter Zeitung zeigte sich darüber begeistert.

00:26:41: Dort sollten, schrieb sie, solche Empfänger von Wohlfahrtsunterstützung beschäftigt werden, von denen angenommen wird, dass Sie nach Arbeitswillen betragen oder nach Ihrer ganzen Einstellung den Weg zur Volksgemeinschaft nicht gefunden

00:26:55: haben.".

00:26:57: Die Hansestadt Bremen richtete im Herbst, und sogar ein eigenes Arbeitszwangslager ein.

00:27:04: Und zwar rund dreißig Kilometer vor der Stadt in Teufelsmoor wo ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager einfach umgewidmet wurde.

00:27:12: Großzüge nahm man auch Einlieferungen von auswärts an etwa aus Lübeck.

00:27:17: die Insassen mussten Torfstechen mindestens zehn elf Stunden am Tag bei jedem Wetter und bei Kaga Verpflegung.

00:27:25: Untergebracht waren sie zunächst in zweieinhalb verfaulten, zugigend Holzbarakken aus dem Ersten Weltkrieg.

00:27:30: Dazu setzte die Stadtverwaltung auf eine strenge Lagerordnung – Schikane und Gewalt waren alltäglich.

00:27:37: Einer der Lagerführer berichtete Ende der Dreißiger Jahre stolz ein ins Lager eingewiesener Alkoholiker habe den Herrgot angefleht ihm vom Übel der Arbeit zu erlösen nur um dann weiter ins Detail zu gehen.

00:27:52: Andere ähnlich geartete Insassen machen in seelischen Depressionen Nervenschmerzen und sonstigen Dingen, um sich vor der Arbeit zu drücken.

00:28:01: Bis unserem tüchtigen Lagerarzt der Geduldsfaden reist und er der ewigen Litanei körperlicher Defekte ein Ende bereitet.

00:28:10: Glücklicherweise haben wir gelernt solche Gestalten individuell zu behandeln und sie freundlich auf den Fahrt der Tugen zurückzuführen!

00:28:18: Dass hierzu die Methoden einer Sonntagsschule nicht geeignet sind, dürfte verständlich sein.

00:28:24: Ebenso kann man jemandem nicht ins gute Gewissen reden der keines mehr hat.

00:28:30: In vielem erinnerte das Teufelsmoor an die Konzentrationslager von SA und SS – immerhin ein Unterschied blieb!

00:28:38: Die Insassen waren nicht auf unbestimmte Zeit gefangen.

00:28:41: nach sechs bis zwölf Monaten wurden sie entlassen.

00:28:44: Noch experimentierfreudiger als Bremen zeigte sich die beschauliche Neckarstadt Heidelberg.

00:28:50: Hier verschleppte die Verwaltung ganze Familien an den Stadtrand in die sogenannte Wichernsiedlung, wo sie unter Aufsicht arbeiten mussten – diese sogenannte asoziagen Kolonie war gedacht als letzte Bewährungs- und Besserungsmöglichkeit!

00:29:06: Nur wem das Wohlfahrtsamt gute Arbeit bescheinigte der durfte zurück in die Stadt.

00:29:11: Familien, die in den Augen der Beamten und Beamtinnen der Volksgemeinschaft unwürdig waren wurden zerschlagen.

00:29:19: Die Eltern wurden entmündigt, die Kinder ins Fürsorgesystem gesteckt.

00:29:23: Zur Kontrolle gehörten auch erbbiologische Musterungen.

00:29:27: Dafür wurde eigens ein Arzt der örtlichen psychiatrischen Klinik als Gutachter bestellt.

00:29:32: Viel das Urteil negativ aus wurden die Betroffenen mitunter zwangssterilisiert.

00:29:37: Mehr über die Wichern-Siedlungen in Heidelberg könnt ihr demnächst in einer Bonusfolge für Patreons erfahren.

00:29:43: Dort geht es dann um einen zeitgenössischen Erfahrungsbericht der Stadtverwaltung, den ich genauer vorstelle und untersuchen werde.

00:29:51: Andere Städte nahmen sich an Heidelberger ein Beispiel und legten eigene asozialen Kolonien an – etwa Köln, Bremen und Stuttgart.

00:29:59: Große Verbreitung fand das Modell allerdings nicht.

00:30:02: Aufwand und Kosten waren anscheinend hoch, die Ergebnisse in den Augen.

00:30:07: der Stadtverwaltung MAGA, auch weil die Betroffenen die Zwangsmaßnahmen nicht mit der gebührenden Dankbarkeit annahmen.

00:30:15: Man fragt sich warum?

00:30:18: Zentral gesteuert war in diesen ersten Jahren vor allem eines – die Symbolpolitik.

00:30:23: Im Sommer neunzehntundhundertdreisig regte Josef Göbbels eine landesweite Ratzjahr gegen das sogenannte Bettler-Unwesen an.

00:30:30: Neu war die Idee übrigens nicht.

00:30:33: Schon im achtzenden Jahrhundert hatte man mit sogenannten Bettlerstreifen ganze Landstriche mobilisiert, um soziale Außenseiter und fahrendes Volk zu vertreiben – aber das nur am Rande!

00:30:44: Goebbels Vorschlag, griffen die Belandespolizeien und die Gestapo bereitwillig auf.

00:30:49: Zwischen dem achtzenden und dreinsonstesten September neunzehntundertreinendreißig durch kämmten Polizeibeamte unterstützt von SA und SS alle bekannten Treffpunkte, Nachtasüle und Wanderherbergen – sehr grob geschätzt wurden Zehntausende verhaftet!

00:31:04: Die meisten kamen nach einer Überprüfung der Personalien wieder frei.

00:31:09: Trotzdem füllten sich die Arbeitshäuser und mancherorts errichtete man spontane Sammellager, in denen die aufgegriffenen Wochen manchmal Monate ausharten.

00:31:19: Im Jahr darauf wurden die Razzien wiederholt mit ähnlichem Ergebnis – so wurde daraus ein alljährliches Shower-Spektakel.

00:31:27: Weniger Betel Lai gab es dadurch nicht, nur das Risiko für die Betroffenen war ungleich höher!

00:31:33: Wie viele Menschen insgesamt von dieser bürokratischen Experimentierfreude betroffen waren, lässt sich schwer sagen.

00:31:42: Bis nineteenhundert und dreißig war es wohl mindestens einige tausend wenn nicht mehr die Bettlerstreifen ausgeklammert.

00:31:50: Im Teufelsmoor etwa schufteten in drei Jahren rund drei hundert Personen in den asozialen Kolonien wahrscheinlich so jeweils um die Hundert.

00:31:59: Im Vergleich zu dem, was SS und Gestapo später aufbauten mag das wenig erscheinen.

00:32:04: Aber wir befinden uns ja auch erst im dritten Jahr der braunen Diktatur!

00:32:08: Und daneben lief das alte System der Arbeitshäuser weiter – einundzwanzig davon gab es im ganzen Reich.

00:32:15: Sassen dort in den Zwanziger nur einige hundert.

00:32:17: Einwahn ist neunzehnhundertvierunddreißig schon viertausend Einhundert und ein Jahr später noch weit mehr.

00:32:24: Allein in zehn, also rund der Hälfte dieser Häuser, kamen enzohnhundertfünfunddreißig insgesamt fünftausend Insassen unter.

00:32:33: Um eine Totalerfaßung ging es zu diesem Zeitpunkt aber auch noch gar nicht – die Umezierung des einzelnen Arbeitsverweigerers war höchstens ein glückliches Nebenprodukt.

00:32:46: Primär ging es bei den Zwangs- und Unterdrückungsmaßnahmen um Abschreckungen.

00:32:51: Ein Bericht über das Teufelsmord gab das ganz offen zu!

00:32:55: Von weit größerer Bedeutung als die praktisch durchgeführten Arbeitszwangsverfahren war von Anfang an die moralische Wirkung des Arbeitszwangslagers auf alle Volksgenossen, die in ihrer Einstellung zur Arbeit unsicher waren.

00:33:08: Die in Bremen besonders früh und erfolgreich betriebene Arbeitsvermittlung ernotstandserwerblose wäre ohne das Arbeitszwankslager kaum durchfüllbar gewesen.

00:33:17: Die meisten Arbeitsverweigerer landeten in Gefängnissen, Arbeitshäusern oder eben den Versuchsanstalten der Kommunen.

00:33:25: Die Konzentrationslager spielten bei diesem Treiben noch keine tragende Rolle.

00:33:29: Mit einer Ausnahme!

00:33:31: Wieder einmal erwies sich Heinrich Himmler's Lieblingsprojekt Dachau als Musterlager für spätere Entwicklungen.

00:33:39: Als ehemaliger Kommandant hatte der Inspekteur der Konzentrationslager Theodor Eike schon im Oktober, die Einstufung dachaus als Arbeitserziehungseinrichtungen nach der Reichsfürsorgepflichtverordnung erreicht.

00:33:54: Dachau war damit auf dem Papier ein Arbeitshaus wie die anderen, nur eben eines der SS.

00:34:00: Natürlich gab es eine Pressemitteilung und die feierte diesen Schritt als Meilenstein.

00:34:06: Man wolle arbeitsscheue liederliche und sonst unwirtschaftliche Personen, die der Arbeit aus dem Weg gehen Kindsväter, die die Sorge für unehrliche Kinder und Familien vätern.

00:34:18: Die die Sorghe für ihre Angehörigen der Fürsorgestelle überlassen durch Zwangsarbeit an ihre Pflicht erinnern und zu Geordneter Lebensführung bringen.

00:34:28: Anfang November hier überwiesen Bayerns Fürsorge- und Arbeitsämter sowie Gestapo-Dienststellen die ersten Achtundfünfzig Heftlinge nach Dachau Im März, und dann waren es schon zweihundertundzwanzig.

00:34:42: Am Jahresende vierhundert achtunddreißig.

00:34:45: In Empfang genommen wurden sie unter anderem von einem Frisch zum Blockführer beförderten SS-Mann namens Rudolf Hös dem späteren Kommandanten von Auschwitz.

00:34:56: Einer von denen die Hös dort begegnet sein könnten war der Mann vom Anfang dieser Folge Leonhard Eichmüller, der Loner aus dem Führter Gännsberg Fürth war vor neunzehntundanddreißig eine rote Hochburg gewesen und die Nazis in Franken waren entsprechend darauf erpicht, die Stadt unter Kontrolle zu bringen.

00:35:17: Einen Nachbarn nach dem anderen holte die Gestapo ab weil er oder sie sozialdemokratisch oder kommunistisch organisiert gewesen war.

00:35:26: Im August neunzenhundertdreßig traf es dann auch Leonhard Eichmüller der längst als sogenannte Gemeinschaftsfremder ins Visier der Polizei geraten.

00:35:35: Warum genau er verhaftet?

00:35:36: wurde es nicht überliefert?

00:35:38: Seine Urenkelen, Ines Eichmüller hat in den Dachau Akten nur einen Eintrag im Heft-Links Zugangsbuch gefunden.

00:35:45: Dort steht «Eindieferung aufgrund des Arbeitszwangsgesetzes».

00:35:50: Das war schon nineteenhundertunddreißig allgemeiner Sprachgebrauch für dem Paragraf zwanzig der RFV Aus Loners Zeit in Dachauer ist fast nichts erhalten Aber von der Überstellung dorthin hat seine Ure-Enkelin Ines überliefert, was in der Familie erzählt wurde.

00:36:09: Es gelang Lona einen Brief aus dem Gefängnis schmuggeln zu lassen sodass er seine Ehefrau Sabina informieren konnte das und wann die Überstellung ins Konzentrationslager Dachau bevorstand.

00:36:20: Am genannten Tag standen dann Sabina und die Kinder sowie weitere Angehörige auf der Straße vor dem Gefägnis um ihre Lieben noch einmal aus der Nähe sehen zu können.

00:36:29: Dem meisten war wohl klar, dass es die letzte Begegnung sein könnte.

00:36:34: Die Häftlinge wurden über die Kreuzungen an der Maximilianstraße zum damaligen Bahnhof Doos geführt, der unter der Jansenbrücke lag.

00:36:42: Der gefangenen Transport erfolgte unter den Augen aller!

00:36:46: Jonas' kleiner Sohn regte sich noch viele Jahre später als Altermann auf wie die Bevölkerung aktiv anteilnahm – besonders sie, die später sagten, sie hätten von nichts gewusst.

00:36:57: Nach seiner Schilderung wurden die Häftlinge von Passantinnen beschimpft, bespuckt und geschlagen.

00:37:01: Völlig unverständlich blieb dem kleinen Sohn noch im hohen Alter das die Gefangenen nichts mitnehmen durften!

00:37:09: Die Justizbeamten schlugen den Kindern, Bombon-Tütchen und anderes aus der Hand oder nahmen es den Gefangenem wieder ab?

00:37:16: Soweit der Bericht von Innes Eichmüller.

00:37:19: Falls ihr euch übrigens für weitere Familienberichte interessiert, dann empfehle ich euch den Sammelband der in den Shownots in der Episodenbeschreibung zu finden ist von Frank Nonnmacher herausgegeben.

00:37:31: Dazu sage ich später auch noch mal etwas in der Abmoderation.

00:37:36: Leonhard Eichmüller kam nach zwölf Monaten Zwangsarbeit aus Dachau zurück.

00:37:40: In dieser Zeit schickten Sabina und die Kinder ihm jede Woche ein Päckchen mit einem Schatt, einem einfachen aber haltbaren Rührkuchen.

00:37:48: Die kostbaren Kalorien teilte Eichmüller mit den anderen Gefangenen.

00:37:53: Das waren, so ihnen das Eich-Müller besondere Momente der Gemeinschaft von denen Lona nach seiner Freilassung gern berichtete und die auch später seinen Sohn im Familienkreis gern weitererzählte.

00:38:06: Bei der Lectüre dieses Sammelbandes, dieses Erlebnisberichtes hat sich dieses letzte Bild bei mir eingewandt Während draußen die selbsternannte Volksgemeinschaft auf den Gefangenen einschlug, teilte der Loner drinnen seinen Kuchen mit den anderen Häftlingen.

00:38:24: Wer also hat sich hier eigentlich asozial verhalten?

00:38:27: Ich frage mich wie viele aus der vermeintlich besseren Gesellschaft – ob entführt in Heidelberg und Bremen an so vielen Orten – sich diese Frage je gestellt haben damals wie heute….

00:38:41: Mein Name ist Jonas Steffern und das war Folge thirty-fünfunddreißigzwanzig von Deutschland Dreiund dreißigvierzig.

00:38:47: Gleich gibt es noch zwei Hausmitteilungen, aber vorher will ich auf den Verband für das Erinnern an die verleugneten Opfer des Nationalsozialismus verweisen.

00:38:57: Das ist soweit ich das sehe der jüngste Interessensverband von Opfern und ihren Nachkommen in der Bundesrepublik – und das leider nicht aus angenehmen aus schönen Gründen, sondern auch aus meiner Sicht sehr schrecklichen Gründen.

00:39:12: Denn die sogenannten Asozialen und die sogenannte Berufsverbrecher auf die ich in der nächsten Folge eingehen werde, die hatten es nach nünftundhundertfünfvierzig denkbar schwer.

00:39:22: Sie waren nicht Teil der solidarischen Selbstorganisation der KZ-Opfer.

00:39:28: sie wurden ausgegrenzt Und sie wurden auch in der Gesellschaft weiter ausgegrenzt.

00:39:33: Zum Beispiel haben Sie keine Entschädigungszahlung erhalten bis, ich glaube, in die zwanzig-zwanziger Jahre also vor ein paar Jahren und da lebten natürlich nicht mehr viele.

00:39:42: deswegen ist auch der Verband hauptsächlich von Nachkommen getragen Und die Gründe dafür sind vielschichtig.

00:39:49: Ein bisschen davon habe ich angerissen in der Folge, um deutlich zu machen, dass es eine Kontinuität gab im Umgang mit Menschen aus sozialen Randgruppen kamen, die als Kriminell wahrgenommen wurden und als gesellschaftliches Problem wahrgenommen wurde von ganz unterschiedlichen Gründen.

00:40:10: Ich kann die vielen Implikationen dieses Thema jetzt an dieser Stelle gar nicht ausführen, da würde ich dem nicht gerechtfertigen.

00:40:19: Ich möchte nur noch mal wiederholen und bekräftigen was der Bundestag vor einigen Jahren beschlossen hat nämlich kein Mensch war zu Recht im Konzentrationslager.

00:40:29: Aber ihr könnt euch natürlich auch selbst ein Bild machen Der Sammelband die Nazis nannten sie asozial Der ist in Buchhandel erhältlich.

00:40:40: Ihr könnt euch den kaufen, ihr könnt euch denen auch aus der Bibliothek ausleihen und dann einfach mal drin lesen.

00:40:46: Ich bin mir auch sicher das es im Internet von den Autoren Vorträge gibt.

00:40:50: vielleicht gibt's auch tatsächlich live Veranstaltungen des Verbandes schaut man auf der Website vorbei.

00:40:56: setzt euch mit diesen Menschen und ihren Leben auseinander Und dann könnt ihr selber beurteilen wie ihr das einordnen wollt.

00:41:05: damit kommen wir jetzt zu dem beiden Hausmitteilung.

00:41:09: die erste Hausmetteilung ist recht erfreulich, denn wir haben zehn Gewinner des Gewinnspiels.

00:41:17: Also das heißt Zehn plus Anhangen Menschen die Deutschland rein dreißig fünf vierzig hören.

00:41:23: Die dürfen ins Kino und den ja nicht ganz unumstrittenen Film Nürnberg wie ich jetzt so mitbekommen habe sich anschauen.

00:41:30: Ich bin gespannt!

00:41:31: Ich war noch nicht drin.

00:41:32: Ich freue mich auf euer Feedback aber auf jeden Fall schreibt mir doch eine Mail oder eine DM bei Instagram.

00:41:38: gewonnen haben Sebastian B Sabine L, Volker S, Frank G, Luca K, Markus G, Matthias N, Dalila S, Stefan B und Catherine L. Ich hoffe es ist jetzt nicht Katrin.

00:41:54: Das wäre peinlich!

00:41:55: Okay aber sie wird sich melden wenn ich's falsch ausgesprochen habe dann haben wir umso mehr Grund uns auszutauschen.

00:42:02: Die zweite Hausmitteilung betrifft Patreon.

00:42:06: Ich hatte das ja letzte mal schon erwähnt Aber immer dann, wenn ihr meint ich müsste mal eigentlich wissen was passiert gerade bei Jonas.

00:42:14: Was passiert bei Deutschland?

00:42:15: Dreiunddreißigfünfundvierzig?

00:42:17: Dann klickt ja auf dem Patreon Link.

00:42:18: Ich veröffentliche da jetzt immer alle News Alle aktuellen Neuigkeiten alle Infos kostenlos für alle.

00:42:25: Man kann sich da anmelden muss dann aber nicht kostenpflichtiges Mitglied werden Wobei ich mich natürlich auch nicht dagegen streube Wenn ihr das macht zumal es Jetzt in den nächsten Tagen wohl auch wieder eine Bonusfolge geben wird wobei ich schauen muss, wir haben jetzt das lange Wochenende von Leichnam und so.

00:42:40: Und dann habe ich die Kinder im Haus aber vielleicht kriege ich ja irgendwo mal eine ruhige Stunde weil so Kinder lachen und so im Hintergrund ist zwar für den Vater schön aber vielleicht nicht für das Hörvergnügen.

00:42:51: Jetzt sind wir aber schon wieder weit über forty-two Minuten und darum ist hier jetzt Schluss!

00:42:55: Wir hören uns bald wieder bis dahin.

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