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#35.22 Verbrechen und Strafe vor den Nazis

Shownotes

Reden wir von Verbrechen und Strafe im Nationalsozialismus, denken wir an die Konzentrationslager. Aber vor allem in den sechs Friedensjahren der Diktatur bis 1939 waren es vor allem die traditionellen Gefängnisse, die der Staat dafür nutzte, um Menschen wegzusperren. Diese Folge blickt auf Kontinuitäten und Umbrüche im regulären Strafvollzug bis 1933. Nur so wird die Bedeutung der NS-Machtübernahme in diesem Bereich deutlich. Spoiler: Die Kontinuitäten vor und nach 1933 sind größer, als man glauben mag.

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Ausgewählte Literatur:
Nikolaus Wachsmann: Gefangen unter Hitler. Justizterror und Strafvollzug im NS-Staat, 2006.

Intro-Musik arrangiert und vertont von Max, Auszüge aus Reden von Hermann Goering – Verkündung der Nürnberger Gesetze und Adolf Hitler – Reichstagsrede – Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, via www.archive.org
Bildnachweise: Bundesarchiv Bild 146-1977-149-13, Hermann Göring, Adolf Hitler, Albert Speer (Bundesarchiv, Bil d 146-1977-149-13 / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0), Flgzeugträger "Graf Zeppelin", Hitler bei Stapellauf (Bundesarchiv, Bild 183-2006-0810-500 / CC-BY-SA 3.0), Adolf Hitler and Hermann Göring in 1938 (Bundesarchiv, Bild 183-2004-1202-504 / CC-BY-SA 3.0)

Episodenbild: Presidio modelo, Innenansicht, Friman / CC-BY-SA 3.0 (wikimedia)

Tags:
#Neuere_und_neueste_Geschichte
#Deutschland

Transkript anzeigen

00:00:00: Beim letzten Mal habe ich ja erzählt, wie im Dritten Reich bis zu den Strafrechten umgebaut wurde zu einem Kampfinstrument der braunen Diktatur.

00:00:11: In dieser und den nächsten Folgen schauen wir uns die andere Seite dieser Medaille an – nämlich den Umgang mit Straftäterinnen und Straftättern oder genauer gesagt mit jenen Menschen, die das Nazi-Regime als solche einstuft.

00:00:25: und statt angehörigen Deutschen oder auch Verwandtenbluten den Verboten.

00:00:41: Als Vordrottung bei einem gewissen Verantwort.

00:00:43: der Führer von der deutschen Nation verpflichtet nun mir für Rechtsgleichheit Deutschlands, wie man im International verweigert hat, krachtlich höheren Lebensbrechen der Nation selbst wieder herrscht!

00:00:59: Hi und Willkommen zu Deutern, Dreiunddreißig, Vierfünfundvierzig.

00:01:02: Folge Vierunddreißig, Zweiundzwanzig.

00:01:05: Verbrechen und Strafe vor den Nazis.

00:01:10: Bevor wir in das Thema einsteigen möchte ich noch einmal ganz allgemein erklären warum Verbrechnen und Strafen im autoritären Herrschaftssystem eine so prominente Rolle spielen.

00:01:22: Diktaturen versprechen ja Sicherheit und Ordnung.

00:01:25: Gerade in gesellschaftlichen Krisenzeiten macht dieses Versprechen die Diktatur so attraktiv für viele Menschen.

00:01:31: Die Logik dahinter ist einfach, weil der autoritäre Staat so stark und mächtig ist kann er bei Verbrechensbekämpfung mit aller Härte durchgreifen.

00:01:41: Diese Logik ist aber nur scheinbar zwingend – in Wirklichkeit greift sie viel zu kurz!

00:01:47: Das autoritare Versprechen von Sicherheit und Ordnung ist ein leeres Versprechen und zwar aus vielen Gründen.

00:01:53: Zum Beispiel florieren bestimmte Formen von Kriminalität in Diktaturen besonders gut, besonders stark.

00:02:00: Korruption, Machtmissbrauch oder Willkür sind dabei oft auch nach den eigenen Maßstäben der Diktatur schädlich und auch illegal.

00:02:09: Aber eine Diktatur kann dieses kriminelle Verhalten nur schwer bekämpfen, weil gegen sie nur Transparenz und Kontrolle funktionieren.

00:02:16: Und Transparens und Kontrollen tragen zugleich das Potenzial in sich an den autoritären Herrschaftsstrukturen zu sägen.

00:02:24: Eine Diktatur verliert ihren Nimbus der Stärke und Allmacht wenn sie regelmäßig eingestehen muss dass sie nicht stark und mächtig genug ist um innerhalb der eigenen Reihen für Ordnung zu sorgen.

00:02:37: Deshalb gibt es für Transparenz und Kontrolle nur wenig Spielraum, die Machthaber sind ständig damit beschäftigt, die Geister, die sie riefen wieder einzufangen.

00:02:46: Das Versprechen von Sicherheit und Ordnung ist aber auch deshalb ein leeres Versprechen, weil Diktaturen in Wirklichkeit eben nicht DIE Kriminalität beseitigen!

00:02:56: Auch im Dritten Reich zum Beispiel gab es weiterhin Menschen, die wir nach heutigem Maßstäben als Verbrecher sehen würden – dass Hitler die Kriminalitet beseistigt habe… ist ein brauner Mythos, der sich allerdings bis heute hält.

00:03:11: Nicht die tatsächliche Existenz von Kriminalität unterscheidet – die Diktatur vom Rechtsstaat – sondern der Umgang mit ihr!

00:03:21: In der Diktature wird Verbrechensbekämpfung zum öffentlichen Spektakel.

00:03:25: Der autoritäre Staat nutzt die Gelegenheit seine Macht in Szene zu setzen.

00:03:30: Gleichzeitig tendiert er dazu den Anwendungsbereich der Verbrechenbekäpfung immer weiter auszudehen Zum einen aus pragmatischen Gründen, nämlich um seine Macht zu erhalten.

00:03:39: Das betrifft zum Beispiel das Vorgehen gegen politisch anders denkende und potenziellen Widerstand.

00:03:45: Zum anderen aber auch aus ideologischen Grunden – denn das Versprechen von Sicherheit und Ordnung lebt ja davon dass es jemanden gibt der die Gesellschaft angeblich bedroht!

00:03:56: Das Prinzip des Sündenbocks ist so alt wie die Menschheit selbst.

00:04:00: Der soziale Mechanismus ist recht einfach Eine Mehrheit macht eine oder mehrere Minderheiten für vieles, oder sogar alles verantwortlich was in der Gesellschaft angeblich schiefläuft.

00:04:11: Die tatsächlichen Zusammenhänge spielen dabei eine untergeordnete Rolle.

00:04:15: Worauf es ankommt das ist die Überzeugungskraft der Sündenbockerzählung.

00:04:21: Wir dürfen aber nun nicht den Fehler machen aus der Existenz dieses sozialen Mechanismus darauf zu schließen dass sich hierbei um einen bloßen Vorwand handelt um ein Mittel zum Zweck.

00:04:34: So abstrus uns heute manche Ideen auch erscheinen und gerade die NS-Ideologie war ja nun reich an abstrusen Ideen, sollten wir im Grundsatz davon ausgehen dass die Anhänger dieser Ideen wirklich von ihnen überzeugt waren.

00:04:50: Wenn man nicht ernst nimmt das Gläubige etwas glauben können verbaut man sich selbst den Weg zur Einsicht.

00:04:57: Und eine wichtige Einsicht zur Rolle von Verbrechen und Strafen im Dritten Reich haben wir in der letzten Folge schon kennengelernt, die nämlich dass es starke Kontinuitäten gab zwischen dem nationalsozialistischen Blick auf Kriminalität und dem was sie Strafrechtswissenschaften und was die Öffentlichkeit diskutiert haben.

00:05:15: Und zwar unter den Bedingungen erst der des Kaiserzeitlichen dann des Weimarer Rechtsstaates.

00:05:21: Bei der anderen Seite der Medaille dem Strafvollzug ist das genauso.

00:05:28: Wenn wir als Gesellschaft über Verbrechen und Strafen im Nationalsozialismus reden, dann geht es sehr oft um den Maßnahmenstaat und damit um die Konzentrationslager.

00:05:39: Wir müssen aber auch den Normenstaat in den Blick nehmen und damit den regulären Strafvollzug mit seinen Gefängnissen- und Zuchthäusern.

00:05:48: Auf dem Gebiet des Deutschen Reiches saßen zwischen nineteenhundertdreißig und fünfundvierzig viel mehr Menschen im Knast als in einem Konzentationslager.

00:05:58: Das betrifft vor allem die sechs Friedensjahre des Nazi-Regimes.

00:06:03: In den letzten Jahren saßen jeden Tag rund hunderttausend Menschen in Haftanstalten, etwa die Hälfte davon in U-Haft – also Untersuchungshaft.

00:06:13: Zum Vergleich im gleichen Jahr gab es nur noch fünf Konzentrationslager mit insgesamt rund dreitausend Fünfhundert Heftlingen.

00:06:23: Es gab aber hunderte Gefängnisse in Deutschland!

00:06:27: Dass die Rolle der staatlichen Justiz und des Strafvollzugs lange übersehen wurde, lag auch an den personellen Kontinuitäten nach.

00:06:35: Herrmann Weinkauf immerhin Malpräsident des Bundesgerichtshofes behauptete etwa noch in den Sechzigern, die Justizbeamten seien im Dritten Reich ganz auf sich allein gestellt gewesen und eine hilflose Beute der terroristischen Einwirkung von Staat und Polizei gewesen.

00:06:53: Ein ehemaliger Gefängnisbeamter rechtfertigte sich und seine Kollegen, sie hätten nichts mit den Konzentrationslagen zu tun gehabt.

00:07:02: Theoretisch ist es natürlich möglich dass diese Rechtfertigungsversuche nur die persönliche Erfahrung der beiden Männer widerspiegeln.

00:07:09: Insofern muss man vorsichtig sein Sie der Lüge zu bezichtigen.

00:07:14: Als objektive Beschreibungen sind sie aber definitiv unhaltbar Und ihr könnt später ja dann auch selbst entscheiden, für wie wahrscheinlich ihres Haltes das Richter Weinkauf und der zitierte Beamte ihre Aussagen gutglorbig getätigt haben.

00:07:31: Wie der Alltag in den Gefängnissen Mitte der Dreißiger Jahre aussah, schauen wir uns – wie gesagt – in der nächsten Folge an.

00:07:38: Heute möchte ich vor allem auf die Entwicklung des Strafvollzugs bis zu nineteenhundertdreisig blicken Denn erst über die Chronologie kriegen wir die Kontinuitäten eingefangen.

00:07:48: Das moderne Gefängnis entstand im neunzehnten Jahrhundert.

00:07:52: In Deutschland wurde der Strafvollzug vor allem nach der Reichsgründung eighteenhundertseinundsiebzig immer weiter professionalisiert und spezialisiert.

00:08:00: Nun entstanden getrennte Einrichtungen für Jugendliche, Frauen- und Untersuchungshäftlinge – und solche insassen die bloß zu Gefängnissen bzw.

00:08:10: solchen, die zum Zuchthaus verurteilt wurden.

00:08:14: Im Zuchtaus waren die Haftbedingungen härter und die zu verbüßenden Strafen länger.

00:08:19: Umgesetzt wurden in dieser Zeit Programme, die teilweise schon seit der Aufklärung in der Diskussion waren.

00:08:25: Die Sühnungen einer Straftat und die Reintegrationen in die Gesellschaft sollten durch vier Programmpunkte erreicht werden – Überwachung, Isolation, Disziplin und moralische Erziehungen.

00:08:38: Das Wort Zucht im Zuchthaus hängt nicht von ungefähr mit dem Begriff der Erziehung zusammen.

00:08:48: Sie zeigte sich in regelmäßigen Zellendurchsuchungen und Leibsvisitationen.

00:08:53: Ein Recht auf Privatsphäre sollte es gar nicht erst geben, die Gefängnis Neubauten dieser Zeit trieben den Gedanken der Überwachung auf die Spitze.

00:09:03: Vielleicht habt ihr ja schon mal ein Bild von dem sogenannten Panoptikum-Bauten gesehen?

00:09:09: Hier befindet sich der Wachbossen in der Mitte so dass einige wenige Aufseher genügen um alle Zellen ständig im Blick zu behalten.

00:09:16: Solche Panoptikons wurden überall in der westlichen Welt in verschiedensten Varianten errichtet.

00:09:22: In Deutschland kann man das Prinzip heute noch an manchen Knesten nachvollziehen, zum Beispiel bei der JVA Freiburg.

00:09:29: Die Isolation der Insassen sollte nicht nur dabei helfen sie leichter zu kontrollieren – Sie galt auch als probates Mittel um die Einsicht in die Verwerflichkeit des eigenen Tuns zu fördern.

00:09:40: Wermit sich allein sei so die Logik habe Gelegenheit über sich selbst nachzudenken!

00:09:46: Im präustischen Gefängnissen saßen Ninzehundertfünf tatsächlich über Sechzig Prozent der Insassen in Einzelhafen.

00:09:52: Damit aber nicht genug!

00:09:54: Neben der Einzelhaft galt ein striktes Schweigegebot, nur zu ganz bestimmten scharf kontrollierten Gelegenheiten durften Gespräche geführt werden – überhaupt bei der Tagesablauf im Gefängnis zu dieser Zeit extrem streng reglementiert.

00:10:09: Gewaltfrei war das Gefängnis nicht, aber zumindest war der Einsatz von physischer Gewalt klaren Regeln unterworfen.

00:10:17: Das Strafgesetzbuch z.B.

00:10:18: hatte die Prügelstrafe offiziell abgeschafft.

00:10:23: Hauptwerkzeug der Disziplinierung war der Arbeitszwang.

00:10:28: Ökonomische Überlegungen spielten bei den Gefängnissenarbeit eine untergeordnete Rolle.

00:10:33: Die Arbeit wurde als Wert an sich gesehen – deswegen gab es in den meisten Gefängnessen auch keine Maschinen Und wenn gerade keine sinnvollen Tätigkeiten verfügbar waren, wurde einfach Sand von einer Stelle im Gefängnishof auf die andere geschippt und wieder zurück.

00:10:49: Ähnlich eindimensional handhabten die Gefängnisverwaltungen des Kaiserreichs ihr Erziehungsprogramm.

00:10:56: Nur ausnahmsweise ging es hierbei um Lesen schreiben oder rechnen – im Vordergrund stand die religiöse Unterweisung durch Gefängnesgeistliche.

00:11:04: Und das hieß nicht Bilbestellen diskutieren oder über Glaubensfragen reflektieren, sondern religiöse Liedersingen und buchstäblich nachbeten was der Geistliche vorgab.

00:11:16: Das große Vorbild für diesen Gefängnis-Betrieb war – ihr ahnt es vielleicht schon?

00:11:21: Die Armee!

00:11:23: Insofern ist auch kein Zufall dass gerade ehemalige Soldaten als Aufseher rekrutiert wurden.

00:11:29: Für sie sprach so ein hoher königlich preußischer Justizbeamter Gewöhnung an Ordnung Pünklichkeit Sauberkeit, Disziplin im Gehorchen und Befehlen.

00:11:39: Unerschrockenheit, persönlicher Mut, rascher

00:11:42: Entschluss.".

00:11:44: Wie viele Aufseher diesem Ideal wirklich entsprachen sei dahingestellt – denn Ex-Soldaten gingen vor allem aus Mangel an Alternativen in die Gefängnisse.

00:11:53: nicht weil es ihr Herzenswunsch war Kriminelle zu beaufsichtigen!

00:11:58: Aber an dieser Stelle soll es auch gar nicht so sehr darum gehen, Idealund Wirklichkeit des Kaiserzeitlichen Strafvollzugs im Detail auseinanderzunehmen….

00:12:07: Ich wollte euch hier eben nur einen Überblick geben.

00:12:09: Wie wirksam das Strafvollzugsprogramm von Kontrolle, Isolationen, Disziplin und Erziehung war – darüber gingen die Meinungen auch schon damals auseinander.

00:12:18: Die offiziellen Richtlinien für den Strafvolzug des Königreichs Preußen betonten naheliegenderweise die Sinnhaftigkeit des Systems.

00:12:27: Durch die vorhin beschriebene Behandlung sollte den Insassen ihr UNRECHT fühlbar gemacht

00:12:33: werden.".

00:12:35: Ein Insasse des Zuchthauses Münster in Westfalen sah das anders.

00:12:40: Nachdem er dort acht Jahre verbracht hatte, meinte er, ich habe das Gefühl dass die Zuchthausbehandlung mich körperlich aufreiben geistig vernichten und siddlich für die Welt unmöglich machen sollte.

00:12:54: Bevor wir zur weiteren Entwicklung des Strafvollzugs nach dem ersten Weg gekommen, zoomen wir noch einmal heraus.

00:13:01: Rein formal gesehen ist ja ein Verbrechen einer Handlung, die vom Rechtssystem unter Strafe gestellt wird.

00:13:07: Ein Feierbrecher ist jemand der diese Handlung begeht – also gegen das rechtliche Verbot vorgeht bzw.

00:13:13: ignoriert.

00:13:15: Diese Unterscheidung in Tat und Täter klingt banal historisch aber extrem wirkmächtig!

00:13:22: Denn die Art und Weise wie Gesellschaften Rechtsbrüche bestrafen hängt auch davon ab ob sie den Blick mehr auf die Tatsache des Verbrechens oder die Personen des Verbrächers richten.

00:13:36: In der deutschsprachigen Strafrechtstheorie dominierte lange Zeit der Fokus auf das Verbrechen, wer ein Unrecht beging sollte für sein Handeln bestraft werden – einerseits um für die Tat zu büßen andererseits um andere davon abzuschrecken genauso zu handeln.

00:13:53: Das Strafrecht stellte also einen Katalog nicht erlaubter Handlungen dar.

00:13:58: Die Abschreckungswirkung war allgemein oder generell, weil jeder und jede Vorab-Einsicht darin haben konnte was verboten war.

00:14:06: Und – nicht weniger wichtig – welche Strafe bei übertretendes Verbot zu erwarten war.

00:14:13: Um nineteenhundert überzeugte dieses Prinzip der Generalprävention viele Theoretiker nicht mehr.

00:14:20: Sie bauten auf den Erkenntnissen auf die die modernen Wissenschaften der Soziologie, Psychologie und Medizin wie am Fließband produziert hatten….

00:14:28: Diese Erkenntnisse ließen sich doch nutzen, um herauszufinden warum Menschen Verbrechen begegnen.

00:14:33: Und auf dieser Basis könnte man dann neue Wege finden, um den Einzelnen von weiteren Verbrechern abzuhalten.

00:14:40: Vielleicht fand man eines Tages sogar eine Möglichkeit, um Verbreche im Voraus zu verhindern.

00:14:47: Dieses neue Verständnis von Kriminalität rückte die Person des Verbrecher ins Zentrum der Diskussion – was auf den ersten Ton recht modern und human klingt hatte aber einen Haken.

00:15:00: Denn die Vertreter dieser Neuausrichtung führten gleichzeitig eine fundamentale Unterscheidung ein – wenn Verbrechen eine soziale Krankheit war, dann gab es eben auch jene, die unheilbar waren.

00:15:13: oder in den Worten des Strafrechtsprofessors Franz von List «der Strafvollzug der Zukunft habe eine doppelte Aufgabe.».

00:15:21: Unschädlichmachung.

00:15:28: Im Fokus der Debatte stand dann, wie von selbst die richtige Methode um diese unverbesserlichen oder wie schon List sagte, die Gewohnheitsverbrecher zu identifizieren.

00:15:38: Allgemein gesagt kamen drei Ursachen infrage – erblichbedingte, sozial erworbene und situationsspezifische.

00:15:46: Die Sozialerworbenen und die situationsspezifikischen Ursachen fallen zusammen in das was man als Umweltfaktoren bezeichnen

00:15:54: könnte.".

00:15:55: Die Umwelt spielte in der Debatte durchaus eine Rolle, doch der Aufstieg der Eugenik drängte diesen Erklärungsansatz immer stärker an den Rand.

00:16:05: Ihr erinnert euch die Eugenic führte soziale Probleme im Kern auf erbbiologische Ursachen zurück und empfahl deshalb auch erb biologische Lösungen für diese Probleme – und Kriminalität war eben ein solches soziales Problem!

00:16:21: Wenn aber die eigentliche Wurzel von Verbrechen im Körper des Verbrechers und nicht in seiner Umwelt zu finden ist.

00:16:29: Deshalb forderte bereits der vorhin erwähnte Franz von List, die sogenannten unverbesserlichen Lebenslang wegzusperren und so die Gesellschaft vor ihren vermeintlich irreparablen Defekten zu schützen.

00:16:44: Dieses neue täterorientierte Denken hatte sich wie gesagt bereits vor dem Weltkrieg ausgebreitet.

00:16:51: In der Praxis des Strafvollzugs wurde es aber erst durch den Umbruch von nineteenhundertachzehn so richtig wirksam.

00:16:59: Und zwar zunächst paradoxerweise durchaus sehr konstruktiv, denn durch die Unterscheidung in unverbesserlich besserungsfähig stellte sich natürlich zwangsläufig die Frage wie die Besserungsfähigen wieder in die Gesellschaft integriert werden konnten.

00:17:15: Franz von List hatte sich für diese Frage nicht wirklich interessiert.

00:17:19: er meinte Ärzte und anhaltende Zucht, die Genüge.

00:17:24: Andere wie der spätere Reichsjustizminister Gustav Radbruch nahmen diese Frage aber ernst.

00:17:30: Radbruchs kritisiert so schon, dass Schweigegebot und Einzelhaft trügen wenig zur Besserung der Hälftelinge bei.

00:17:38: Revolution- und Wirtschaftskrise führten dann ummittelbar nach dem Krieg dazu das Gefängnis aus allen Nähten platzten.

00:17:46: Für die konservativ-monarchistisch geprägte Mehrheit der Gefängnisbeamten war das eine traumatisierende Erfahrung.

00:17:53: In ihren Köpfen spugte seitdem das Schreck gespenst eines kommunistischen Aufstandes, bei dem die Gefängnisse gestürmt und die roten gemeinsame Sache mit Dieben und Mördermachten.

00:18:05: Der Gefängnissdirektor von München Straubing forderte beispielsweise in nineteenhundertzwanzig solche Hyänen – die gehören ja wohl hinter Gitter und in Käfiger eingeschlossen.

00:18:17: Die Masse der neuen Insassen waren aber gerade keine Revolutionäre, sondern einfache Menschen die aus der nackten Not heraus gegen das Gesetz verstoßen hatten.

00:18:26: Während der Hyperinflationen gingen die Eigentumsdelikte durch die Decke.

00:18:29: In den letzten Jahren wurden mehr als doppelt so viele Menschen verurteilt wie in den letzten Jahr.

00:18:36: Insgesamt gab es über achthundertzwanzig tausend Verurteilungen.

00:18:41: Mehr als einhunderttausend Menschen saßen täglich hinter Gittern.

00:18:44: Um diesen Massenanfall zu bewältigen, musste die Justiz zwischenzeitlich auf gerade erst aufgelöste Kriegsgefangenenlager zurückgreifen.

00:18:52: Auch Arbeitshäuser wurden zu Behälfsknesten umfunktioniert.

00:18:56: Ursache dafür war wie gesagt die nackte Not.

00:19:00: Der sozialdemokratische Vorwärts berichtete schon, dass von hundert Männern, die ins Gefängnis Berlin Plötzensee eingeliefert wurden, hätten fünfzig kein Hemd, circa sechzig keine Stiefel Und Strümpfe fehlten bei Achtzig.

00:19:17: Da aber die Nachkriegs-Wirtschaftskrise eine ausgesprochen kollektive Erfahrung war, traf der Anstieg der Eigentumsdelikte auf ein außergewöhnlich breites Verständnis in der Öffentlichkeit und das begünstigte das Klima für Reformen im Strafvollzug.

00:19:34: Die Besserung der Besserungsfähigen wurde nun zum Programm – und zwar zum Programm einer Avantgarde von Strafwissenschaftlern.

00:19:45: Die Arbeitsgemeinschaft für Reform des Strafvollzugs gründeten sie.

00:19:50: Innerhalb kurzer Zeit gelang es wichtigen Mitgliedern dieses Reformklubs, erste Impulse in der Praxis zu setzen.

00:19:57: Der Gedanke der Resozialisierung bekam ordentlich Rückenwind und schlug sich in zahlreichen Bundesländern nieder.

00:20:05: Besonders großen Einfluss hatte der Arbeitskreis in Thüringen – ausgerechnet Thüringen!

00:20:11: Der junge Freistaat wurde zu einem Zentrum der Reform.

00:20:15: Als Modellanstalt wirkte das Gefängnis unter Maasfeld.

00:20:20: Hier wollte die Bewegung zeigen, wie Moderna Strafvollzug aussehen konnte.

00:20:24: Das Führungspersonal wurde ausgetauscht, mehrere Sozialarbeiter eingestellt und die Gefangenen erhielten Mitspracherrechte – so wählten sie Vertreter für das neu geschaffene Disziplinargericht, dass über Bestrafungen entschied.

00:20:38: Auch die Gefängnisarbeit wurde reformiert, sodass Maschinen angeschafft wurden und sinnvolle Berufsvorbereitende Tätigkeiten ausgeübt werden konnten unter Anleitung von Handwerkern.

00:20:49: Außerdem wurde ein Belohnungssystem eingeführt das Gefangene in Stufen einteilte.

00:20:55: Auf der untersten Stufe saß man in Einzelhaft und hatte keinerlei Vergünstigungen.

00:21:00: Hier hat man sich an die Regeln und fiel nicht auf kamen auf die zweite Stufe.

00:21:04: Der Aufstieg eröffnete neue Möglichkeiten, zum Beispiel den Zugang zu Freizeitaktivitäten wie Sport, Orchestermusik, Radiohörern oder Theater spielen.

00:21:14: Rund die Hälfte der Gefangenen befand sich auf dieser zweiten Stufe.

00:21:18: Etwa ein Drittel war auf der ersten und der Rest auf der dritten und letzten Stufe.

00:21:23: Wer es bis hierhin geschafft hatte durfte in einer unverschlossenen Zelle schlafen deren Fenster nicht vergittert waren.

00:21:30: Außerdem hatte man auf Stufe drei die Möglichkeit, seine Freizeit ohne Aufsicht zu verbringen und gelegentlich durfte man sogar auch freigang um in den Wäldern jenseits der Gefängnismauern spazieren zu gehen.

00:21:42: Begleitet von einem Sozialarbeiter natürlich!

00:21:45: Der Stufenvollzug machte reichtsweit Schule und ein Land nach dem anderen führte das Belohnungssystem ein.

00:21:52: Allerdings zeigte sich schon hier dass die Reformen zwar in der Breite nicht dabei in der Tiefe wirkten Denn dem pädagogischen Hintergedanken des Stufensystems übernahmen die wenigsten Haftanstalten.

00:22:03: Es gab dann zwar für Gefangenen Vergünstigungen, also Musik, Sport

00:22:08: usw.,

00:22:09: nicht aber wachsende Freiräume und damit auch Verantwortung oder Geausbildungskurse.

00:22:15: Die wenigen Stunden Unterricht in den Gefängnissen angeboten wurden investierte man weiterhin überwiegend in die religiöse Unterweisung nach traditionellem Nachbetmuster.

00:22:25: Für praktische Fertigkeiten wie Lesen und Schreiben sahen die Anstalten immer noch wenig Veranlassung.

00:22:31: Ein Gefängnislehrer meinte damals, wer das einmal eins und das Rechtschreiben in zehn Jahren als Kind nicht gelernt hat lernt es auch als Erwachsener nicht mehr.

00:22:42: Immerhin gab's neue Impulse für die Gefängnisarbeit!

00:22:46: In der Kaiserzeit war es ja üblich gewesen die Gefangene mit der Hand arbeiten zu lassen – Strafe, schmecken usw….

00:22:53: Maschinen waren teure Investitionen und sie verringerten den Leidensdruck der Innensassen, so sagte man das jedenfalls.

00:23:01: Auch Unternehmen Handwerker und Gewerkschaften fürchteten die Konkurrenz durch Gefängnisarbeit.

00:23:06: Trotzdem verfügte Mitte der Zwanziger über die Hälfte der Bäckereien in den Gefängnissen über Maschine.

00:23:13: Bei den Schmieden- und Tischlereien waren es immerhin rund ein Drittel.

00:23:17: Weibliche Gefangene profitierten von diesen Neuerungen übrigens nicht.

00:23:21: Sie mussten häuslicher Handarbeit verrichten etwa Wäsche flicken.

00:23:26: Dahinter verbarg sich die Ansicht Frauen würden kriminell, weil sie sich vom Ideal der Hausfrau entfernt hätten.

00:23:34: Ihre Besserung zielte darauf Sie wieder zur treuen Gefährtin des Mannes, zur liebevollen Mutter der Kinder und zur tüchtig verlässlichen Hausfraud zu machen.

00:23:45: Das ging aber völlig an der Lebensrealität der Frauen vorbei oft nicht den familiären Verhältnissen, sondern die mussten für sich alleine sorgen und ihre Kinder.

00:23:56: Und zwar ohne Ausbildung – das war dann umso schwerer!

00:24:01: Es gab drei Formen der Gefängnisarbeit.

00:24:03: Hausarbeit für Strafanstalt, also Putzen kochen, Essen verteilen

00:24:07: usw.,

00:24:09: Arbeit für Staatsbehörden zb im Möbelbau, kleiner Fun Fact in meinem Büro im Institut für Rechtsgeschichte der Uni Münster hatten wir auch Schreibtische aus der JVA-Münster.

00:24:21: Und schließlich drittens Arbeit für Privatunternehmen oder Einzelpersonen.

00:24:27: Unternehmen kauften dann entweder die Produkte, aber sie richteten selbst Werkstätten ein – wo da Mitarbeiter zusammen mit Aufsehern die Arbeit überwachten.

00:24:36: Manche Strafanstalten verliehen in Sassen auch zeitweise als Arbeitskräfte in Fabriken und vor allem im Bauernhöfe in der Erntezeit.

00:24:45: Die Gefängnisverwaltung profitierte von den Einnahmen unmittelbar.

00:24:48: Allerdings kompensierte sie nur ein Bruchteil der Kosten der Unterbringung.

00:24:54: Prozime, die strichen den Löwenanteil des Verdienstes ein – das kann man nicht anders sagen!

00:24:58: Die Insassen selbst erhielten nämlich gar keinen Lohn sondern nur eine fixe Arbeitsbelohnung.

00:25:12: Achtundvierzig Fennige gingen an die Verwaltung, sechzehn Fenniger als Arbeitslohn bzw.

00:25:17: Arbeitsbelohnung an die Gefangene.

00:25:21: Davon wiederum wurde ihnen nur einen Bruchteil direkt weitergegeben – den Rest bietet die Verwendung ein bis zur Entlassung.

00:25:29: Für das ganz bisschen Geld kauften sich die Insassen zusätzliche Dinge des täglichen Bedarfs also Brot, Bleistifte, Seife oder Zahnpasta… Oder sie schickten das Geld an ihre Familien!

00:25:42: Auch die Disziplinarstrafen wurden immerhin weiter abgemildert.

00:25:46: Zum Beispiel durften Zuchthausinsassen nicht mehr K-Geschoren werden und es wurden auch Dienstwege eingerichtet, um Beschwerden von Häftlingen zu prüfen.

00:25:59: Ein Grund für den durchwachsenden Erfolg des Reformgeistes war die schiere Größe des Strafvollzugs – ein weiterer die geringe finanzielle Ausstattung.

00:26:09: In den letzten Jahren gab es allein in Preußen über einhundert Haftanstalten, sieben Dreißig davon mit mehr als fünfhundert Insassen.

00:26:18: In ganz Deutschland gab es aber im gleichen Jahr nur achtundfünfzig Sozialarbeiter – im Strafvollzug.

00:26:25: Fünfundfünftig davon arbeiteten in Thüringer Gefängnissen.

00:26:30: Mindestens genauso wichtig war auch die konservative Gesinnung der meisten Beamten.

00:26:36: Die Mehrheit der Aufseher und Direktoren hatte ihren Dienst bereits unter Kaiser Wilhelm angetreten.

00:26:42: Die liberale fossische Zeitung bedauerte deshalb, und so lange in den Haftanstalten fünfzig bis sechzigjährige Beamte mit dem Sebel an der Seite in Erfüllungen des modernen Strafvollzugs nichts weiter sehen als die strengste Einhaltung einer Disziplin, die eine verteufelte Ähnlichkeit mit rein militärischer Disziplinen hat, solange gibt es keinen modernen Strafvollzug in Preußen.

00:27:13: Selbst in den gepriesenen Modellanstalten wie Untermarsfeld kam es deshalb immer wieder zu Konflikten zwischen altem und neuem Personal.

00:27:22: Dass die Arbeit als Aufseher schlecht bezahlt und stressig war, half bei der Akzeptanz der Reform noch weniger – denn natürlich bedeutete das neue System beispielsweise im Untermahrsfeld einen deutlich höheren Aufwand und das bei gleicher Bezahlung und unverändertem Personalschlüssel.

00:27:41: Die meisten Gefängnissdirektoren teilten die Sicht ihrer altgedienten Mitarbeiter auf die Reformbewegungen – das kam nicht von ungefähr, denn die Direktoren waren in der Regel Juristen, manche auch Mediziner oder Geistlicher.

00:27:53: Jedenfalls repräsentierten sie eher konservative Studienfächer und im Gegensatz zu ihren Kommilitonen hatten die Gefängnisdirektorinnen einen sehr geringen Status.

00:28:05: Ein Gefängnis zu leiten dürfte also für die wenigsten ein echter Traumjob gewesen sein, sondern eher ein notfalls ergriffener Brotberuf.

00:28:15: Dieses subjektive Defizit kompensierten sie in der Innenwelt des Gefängnisses dann durch den Anspruch auf absolute Unterordnung der Gefangenen.

00:28:24: So beschimpfte der Direktor der Haftanstalt Ichtershausen seine Häftlinge regelmäßig als Lumpen, Sträuche und Arschlöcher.

00:28:35: Der Gefängnisdirektor, ein ehemaliger Armee- und Polizeiaffizier, mehrere Gefangene an.

00:28:41: Ihr Schweine wichst nicht so viel dann freht ihr nicht!

00:28:46: Anders vielleicht als heute hatte die Öffentlichkeit auch einen besonderen Blick auf den Strafvollzug.

00:28:53: Denn die Gesellschaft war in den zwanzigern Jahren regelrecht besessen von Verbrechenen und Strafen.

00:28:58: Das Ende der Zensur hatte den Weg frei gemacht für Medien um sich der Schattenseite der Gesellschaft zu widmen.

00:29:05: Es gab regelmäßige Gerichtsreportagen in den Zeitungen, jede Menge Romane und Filme die sich dem Thema widmeten.

00:29:13: Und auch spektakuläre Mordprozesse, die dann das Interesse der Öffentlichkeit natürlich noch weiter anheizten.

00:29:20: Ein Teil der öffentlichen Meinung politisch gestützt durch die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD blickte kritisch auf die alten Zöpfe im Strafvollzug.

00:29:31: Dabei waren die meisten Gefängnisbeamten gar keine Reaktionäre in dem Sinn, dass sie sich die Verhältnisse der Kaiserzeit einfach nur zurückwünschten.

00:29:40: Aber der Gedanke der Täterorientierung – der war mittlerweile eben in ihren Köpfen angekommen!

00:29:46: Die Beamten glaubten aufgrund ihrer Erfahrung selbst unsweifelhaft einschätzen zu können welche Gefängnissinsassen unverbesserlich und welche besserungsfähig waren.

00:29:57: Das führte am Ende aber nur zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung und in der Tendenz zu einer immer härteren Handhabe, die wiederum den pädagogischen Gedanken unter Grupp und Effektivität der erzieherischen Maßnahmen verminderte.

00:30:11: Unterstützt wurde diese Sichtweise von der anderen Hälfte der kritischen Öffentlichkeit.

00:30:16: In deutschen Nationalen bis hin zur republikanisch-konservativen Kreise galten Gefängnisse mitunter als Mischungen aus Sternehotel und Freizeitpark.

00:30:26: Die konservative Kreuzzeitung emperte sich, es sei beinahe grotesk wie fürsorglich mit gefährlichen Berufsverbrechern umgegangen werde.

00:30:38: Die Zeitung forderte für solche Unverbesserlichen die Sicherungsverwahrung einzuführen denn dort gibt es kein Kino keine Fußballclubs da gibt das nur Arbeit zur Einführung der Sicherungs.

00:30:52: Verwahrungen kam es in der Republik nicht.

00:30:54: Das hatte ich ja letzte Folge erklärt.

00:30:57: Dafür fand man aber im bestehenden Strafvollzugssystem Mittel und Wege gegen die vermeintlich Unverbesserlichen vorzugehen.

00:31:05: So stellte die bayerische Gefängnisverwaltung bereits in einer Verordnung klar, dass bei der Behandlung der unverbesserliche Vergeltungs- und Abschreckungszweck der Strafe gar nicht genug betont werden kann.

00:31:22: Wer in Bayern zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wurde, der durfte weder zusätzliches Essen kaufen noch mit anderen Gefangenen sprechen – also Schweigegebot wieder eingeführt.

00:31:35: Besuche waren nur vierteljährlich für gerade einmal fünfzehn Minuten erlaubt.

00:31:40: Es liegt in der Natur der Sache das nicht etwa schwere Gewaltverbrecher sondern klein kriminelle Massenhaft als unverbesserlich eingestuft wurden.

00:31:49: Sie erhalten gerade ja anfangs nur geringe Haftstrafen oder eben nur Geld bußen und hatten deshalb häufiger Gelegenheit, Taten zu begehen.

00:31:58: Selbst Juristen die der Reformbewegung nahe standen glaubten an die Unverbesserlichkeit.

00:32:03: Biologische Ursachen hielten sie für plausibel – man sprach von animalischen Trieben und von Haltlosigkeit kurzum also von Generationen Unverbesserlichen.

00:32:15: Straftäter seien weniger gefährlich durch das, was sie im Einzelfall an Werten verletzen und zerstören als durch die Dauertätigkeit einer fortgesetzten Kette von Diebstählen, Schwindelaien, Bettel, Landstreicherei, Siddlichkeitsdelikten und Prostitution.

00:32:33: Sogar Gustav Radbroch, den ich ja vorhin schon erwähnt hatte – der Unterschied Verbrechen aus der Not heraus Minderwertigkeit begangen wurden.

00:32:49: Wie aber konnte man nun herausfinden, wer unverbesserlich war und wer besserungsfähig?

00:32:55: Hier versprach eine von der Eugenik beeinfluste neue empirisch-klinisch aufgestellte Disziplin-Aphilfe die Kriminalbiologie.

00:33:05: Aufgrund äußerer Merkmale – und durch die Sichtung der Familiengeschichte sollten Täter zweifelsfrei als unverbesserlich bzw.

00:33:13: besserungsfähiger eingestuft werden können!

00:33:16: Das Menschenmaterial, um die kriminalbiologischen Methoden in die Tat umzusetzen, stellten die Gefängnisverwaltung gerne bereit.

00:33:24: Die bayerischen Behörden gaben bereits neunzehntundundzwanzig entsprechende Anweisungen heraus.

00:33:30: Mehr als ein Drittel der Insassen wurde damals als unverbesserlich eingestuft.

00:33:35: Andere Länder griffen das bayerische Modell in späteren Jahren auf.

00:33:40: Saubere medizinische oder soziologische Studien waren das natürlich nicht.

00:33:45: Die Untersuchungen wurden von Gefängnisärzten und Lehrern vorgenommen mithilfe von Fragebögen.

00:33:50: Die erfassten zwar sehr viele Faktoren, aber statistisch modelliert wohnen die dann nicht.

00:33:55: Die Zusammenhänge orientierten sich vielmehr an den fragwürdigen Primissen der Eugenik.

00:34:01: Die Auswirkungen waren aber real!

00:34:04: So informierte der Leiter der Bayerischen Gefängnissverwaltung im Januar neunzehnhundertdreißig seine Kollegen.

00:34:10: Praktische Erfahrungen und kriminalbiologische Untersuchungen hätten gezeigt, dass die große Masse der Gefangenen für das Erziehungswerk untauglich ist.

00:34:20: Eine strengere Auslese sei dringend erforderlich – damit räumen wir unnötigen Ballers zur Seite, der uns die eingehende Befassung mit den wirklich besserungsfähigen Gefangenenen nur erschwert!

00:34:35: Das einzig wirklich belastbare Item in diesen kriminalbiologischen Untersuchungen war die Rückfallquote.

00:34:43: Aber das verwundert ja auch nicht, stichwort selbst erfüllende Prophezeiung!

00:34:48: Das perfide an der Rückfallquote war aber dass sie ein Vorschlag-hammer Argument war.

00:34:54: Zum Beispiel ergab eine Untersuchung in Berlin Moabit Ende der zwanziger Jahre, daß die als unverbesserlich bereits eingestuften, im Durchschnitt vierzehn Mal vorbestraft waren.

00:35:07: Wer angesichts eines armlangen Katalog an Vorstrafen für die prinzipielle Besserungsfähigkeit argumentierte hatte es also schwer!

00:35:16: Für Rückfälligkeit gab es aber natürlich sehr viele unterschiedliche Gründe und einer besteht darin dass Ex-Heftlinge damals praktisch keine Unterstützung zur Wiedereingiederung bekam.

00:35:28: ein Wiederholungstheta kommentierte diese Tatsache.

00:35:31: so Wird man von der Strafanstalt entlassen, so steht man da ohne Geld, ohne Arbeit und Unterkommen.

00:35:38: Verfällt man dann wieder dem Gericht?

00:35:40: So ist man unverbesserlich!

00:35:42: Wie heute auch waren Ex-Heftlinge gesellschaftlich stigmatisiert – nur wenige wollten ihnen Arbeit geben oder eine Wohnung vermieten.

00:35:51: Dass er die Polizei jederzeit zur Kontrolle auftauchen konnte, ihnen das Wohnrecht in der Heimatstadt entziehen oder den Führerschein verweigern konnte, das half dann nicht.

00:36:01: Eine mehrfach vorbestrafte Gefangene der Frauenstrafanstalt Eichach erklärte, wie ich in Zukunft meine Straftaten meiden will – das weiß ich noch nicht, da ich heute noch nicht weiß von was ich leben soll.

00:36:17: Kurz darauf wurde sie erneut wegen Diebstahls verhaftet und nach Eichah zurückgeschickt.

00:36:23: Ein für die Einstufung als unverbesserlich ebenfalls wichtiges aber eben maximal weiches Kriterium war.

00:36:32: Diese Zuschreibung diente dann auch als Kriterium, um Häftlinge die ihre Zeit abgesessen hatten anschließend in Arbeitshäuser zu überstellen.

00:36:42: Die sogenannte korrektionelle Nachhaft war reichsweit üblich und wurde in Bayern, neunzehnundzwanzig sogar ausdrücklich auf unverbesserliche Gewohnheitsverbrecher ausgeweitet.

00:36:56: Mit der Weltwirtschaftskrise verrote die öffentliche Debatte insgesamt immer mehr und das obwohl diesmal die Kriminalität nicht exorbitant anstieg wie noch nach dem Ersten Weltkrieg.

00:37:09: Heinrich Seifert, ein ehemaliger Gefängnisgeistlicher brachte den Geist dieser neuen Eiszeit auf den Punkt.

00:37:17: Er behauptete im Strafvollzug habe sich übertriebene Humanität breit gemacht.

00:37:24: Durch die Darstellung des Verbrechers als Opfer der sozialen Verhältnisse glorifiziere man das Verbrechen.

00:37:32: Andere Stimmen meinten, der Straffollzug sei ein Fiasco.

00:37:36: Man verschließte die Augen vor halb-anarchischen Zuständen.

00:37:41: Der Gefängnis Geistliche des Zuchthauses Rheinbach meinte zum Beispiel wir verwahren uns gegen die Belastung des Straffvollzugs mit Vergünstigungen, die die Leute verwöhnen und verweichlichen statt sie zu erziehen zur Genügsamkeit und Selbstbeherrschung.

00:37:58: Zu diesem Zeitpunkt, nehmlich von dem Jahr hier in Deutschland, konnte aber von Vergünstigungen überhaupt nicht mehr die Rede sein.

00:38:05: Die öffentliche Hand reagierte auf die Weltwirtschaftskrise mit einem strengen Spardiktat, von dem der Strafvollzug besonders hart betroffen war.

00:38:14: Ausgerechnet im Reformvorreiter Thüringen wurde es besonders schlimm – denn hier regierte die NSDAP schon seit dem Jahr da.

00:38:25: Reformorientierte Justizvollzugsbeamte wurden gefeuert, darunter der Leiter der Haftanstalt Untermarsfeld.

00:38:33: Als Vorwand gebrauchte die neue Regierung Schilderungen – der angeblich katastrophalen Zustände in Untermarsheld – die heimlich von Gefängnisbeamten vor Ort gegen ihren Chef angelegt und dann an die Nazis durchgestochen worden waren.

00:38:50: Das meiste davon erwies sich im Nachhinein als nicht stichhaltig!

00:38:55: Das änderte aber nichts daran, dass die braune Landesregierung den Strafvollzug komplett umkrempelte.

00:39:03: Der reformorientierte Ansatz wurde also bereits demontiert bevor Hitler am dreißigsten Januar nineteenhundertdreisig zum Reichskanzler ernannt wurde.

00:39:15: Mein Name ist Jonas Steffern und das war Folge thirty-fünfundzwanzig von Deutschland Thirty-Fünfundvierzig.

00:39:23: Ja, vielen Dank dass ihr auch in diese Folge wieder eingeschaltet habt.

00:39:28: Bevor wir zur Abmoderation kommen und zum Dank an die vielen Unterstützerinnen und Unterstützer dieses Podcasts ein Hinweis Ihr könnt jetzt die offizielle Deutschland-Dreisunddreißigfünfundvierzichtasse mit Brandenburger Torlogo Und einem Zitat der Bismarck Enkelin Hanna von Bredo kaufen.

00:39:48: Dazu schickt mir einfach eine E-Mail Und zwar an Deutschland, www.dreidrei.vierfünfpodatgmail.com Also Deutschland, dreidreißig Punkt viertundvierzig Port at gmail.kom Betrefftasse und dann gebt ihr einfach an wie viele Tassen ihr haben wollt.

00:40:14: ich erhebe eine einmalige Versandkastenpauschale von sechs Euro Und jede Tasse kostet inklusive Mehrwertsteuer, achtzehn Euro.

00:40:24: Das heißt also je mehr Tassen ihr bestellt weil ihr vielleicht eine Sammelbestellung macht oder die Dinger verschenken wollt desto günstiger wird es letztlich wegen der Versandkostenpauschale.

00:40:34: Also die offizielle Tasse nur so lange der Vorrat reicht.

00:40:37: ich habe hier noch ein paar Kartons und wenn sie weg sind sind sie weg.

00:40:42: meldet euch, schreibt eine E-Mail, bitte betrefft Tasse damit ich das gut zuordnen kann und alles weitere erkläre ich euch dann in der E-mail.

00:40:51: Wenn ihr den Podcast gut findet wenn er euch gefällt dann bewertet dem Bitte auf dem Plattform auf denen ihr ihn hört und empfehlt ihn natürlich weiter und am liebsten habe ich das vom Mund zum Mund.

00:41:03: es passieren leider momentan so viele Dinge die Gesprächsanlässe mit einem Blick in die Geschichte des Nationalsozialismus verknüpfen.

00:41:12: Von daher, das hätte ich gerne anders aber es ist leider so, gibt's wahrscheinlich viele Möglichkeiten den Podcast weiter zu empfehlen.

00:41:21: Dann danke ich für die PayPal-Spenden von Stephanie Jan und Michelle Und auf Patreon begrüße ich Tide Delay Franziska Markus Linder S Gerda Helmut Iris Peter Und wie immer.

00:41:58: zum Schluss darf ich das Team der Produzentinnen und Produzenten herzlich grüßen, dass mich jeden Monat mit satten fünfzehn Euro auf Patreon unterstützt.

00:42:27: Wir hören uns bald wieder.

00:42:29: Bis dahin!

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