#35.23 Hinter Gittern unter Hitler
Shownotes
1935 saßen jeden Tag rund 100.000 Menschen in deutschen Gefängnissen und Zuchthäusern – fast doppelt so viele wie in der Weimarer Republik. Diese Folge zeigt den Haftalltag im Nationalsozialismus: Hunger, Überbelegung, Isolation, Gewalt und eine medizinische Versorgung, die den Namen nicht verdient. Wer saß dort ein? Politische Gefangene, Zeugen Jehovas, Männer, die Männer liebten, als „Gewohnheitsverbrecher" abgestempelte Kleinkriminelle in Sicherungsverwahrung.
Fotos der DE33/45 Tasse: https://www.startnext.com/de3345
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Ausgewählte Literatur:
Günter Grau (Hrsg.): Homosexualität in der NS-Zeit. Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung, Frankfurt/Main 2004.
Frank Nonnenmacher (Hrsg.): Die Nazis nannten sie „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“. Verfolgungsgeschichten im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik, 2024.
Nikolaus Wachsmann: Gefangen unter Hitler. Justizterror und Strafvollzug im NS-Staat, 2006.
Intro-Musik arrangiert und vertont von Max, Auszüge aus Reden von Hermann Goering – Verkündung der Nürnberger Gesetze und Adolf Hitler – Reichstagsrede – Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, via www.archive.org
Bildnachweise: Bundesarchiv Bild 146-1977-149-13, Hermann Göring, Adolf Hitler, Albert Speer (Bundesarchiv, Bil d 146-1977-149-13 / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0), Flgzeugträger "Graf Zeppelin", Hitler bei Stapellauf (Bundesarchiv, Bild 183-2006-0810-500 / CC-BY-SA 3.0), Adolf Hitler and Hermann Göring in 1938 (Bundesarchiv, Bild 183-2004-1202-504 / CC-BY-SA 3.0)
Episodenbild: Haftanstalt Rheinbach um 1930 (https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-298050)
Tags:
#Neuere_und_neueste_Geschichte
#Deutschland
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00:00:01: Ehe Schließungen durch den Juden und Staatsangehörigen Deutschen oder abvermackten Bluten, den Verboten.
00:00:15: Ich mich als Vorgottung bei einem gewissen Verantwortung der Führer von der deutschen Nation verpflichtet.
00:00:22: Nun mir für Rechtsgleichheit Deutschlands wie man im International beweigert hat krachtlich höheren Lebensbrechen der Nation selbst wieder fertig ist!
00:00:46: In der letzten Folge habe ich versucht, das Leben in Deutschlands Gefängnissen vor der Machtübernahme der Nazis zu beschreiben.
00:00:53: Nur vor diesem Hintergrund wird deutlich was das Besondere war am Nationalsozialistischen Strafvollzug – ein offensichtlicher Bruch?
00:01:02: In der heutigen Folge geht es viel um Menschen die unschuldig ins Gefängnis gesperrt wurden.
00:01:08: Gewerkschafter oder ehemalige Abgeordnete, die wegen ihrer politischen Haltung ins Vesier der Gestapo gerieten – Christen, die für ihren Glauben einstanden!
00:01:18: Aber es geht in dieser Folge eben nicht nur um diese damals wie heute eindeutigen Unrechtsfälle.
00:01:25: Es geht zum Beispiel auch um Männer, die Männer liebten und deshalb eingesperrt wurden.
00:01:30: Heute ist das wohl gerade für die Jüngeren unter uns völlig undenkbar.
00:01:35: Damals aber eben nicht, denn Homosexualität wurde auch vor neunzehundertdreinund dreißig von der Justiz verfolgt.
00:01:42: Schwul sein war ein Straftatbestand.
00:01:45: Und dann saßen im Dritten Reich auch noch Zehntausende vom Menschen hinter Gittern die wir heute ebenso als kriminell bezeichnen würden.
00:01:54: Kommunistische Revolutionäre, die die parlamentarische Demokratie bekämpften – Diebe, Rolber, Vergewaltiger und Mörder.
00:02:02: Um den NS-Strafvollzug zu verstehen, dürfen wir nicht nur auf die bequemen Fälle von offensichtlichem Unrecht blicken.
00:02:11: Als Historiker kann ich sagen was kriminell ist und wie man kriminell wird und warum.
00:02:16: das sind Ideen und Konzepte die historisch wachsen und historisch wandelbar sind.
00:02:21: Manchmal dauert so ein Wandel viele Generationen manchmal frei.
00:02:26: nach Lenin nur wenige Monate und Jahre Als die Nationalsozialisten an die Macht kam, fand so ein Rasanter schneller Wandel statt.
00:02:36: Die Nazis versprachen den Deutschen eine neue Härte der Verbrechensbekämpfung.
00:02:42: Der Einflussreiche Netzwerker Hans Frank formulierte dieses Versprechen so – »der nationalsozialistische Staat verhandelt mit den Verbrecher nicht« erschlägt sie nieder und Hermann Göring tönte bereits im Frühjahr.
00:02:57: Nur als Übel kann die Strafe abschreckend und sichernd wirken, und gleichzeitig durch Gewöhnung und Ordnung dort Erziehungsarbeit leisten wo Besserungen noch möglich ist.
00:03:09: Roland Freisler zuerst Staatssekretär im Preußischen dann im Reichsjustizministerium forderte – Im Dritten Reich müsste das Gefängnis wieder schmerzen und zu einem Haus des Schreckens für seine Insassen
00:03:22: werden.".
00:03:24: Das Bemerkenswerte an dieser Rhetorik ist das eigentlich Unbequeme am Thema Strafvollzug im Dritten Reich.
00:03:30: Denn das Versprechen einer neuen Härte wurde nicht als Bruch wahrgenommen, weil die Nazis damit an Erwartungen anschlossen, die längst da waren – das klangen, so hoffe ich auch schon in den letzten Folgen an!
00:03:44: Fachleute wie breite Bevölkerungskreise glaubten längst daran dass man Feuer mit Feuer bekämpfen müsse Und so gehörten bald nach neunzehntneinhalbdreißig Isolation, Hunger, Schmutz, Gewalt und lange Haftzeiten zum Alltag in Deutschlands Gefängnissen.
00:04:01: Möglich wurde das auch weil die rechtstaatlichen Kontrollen die Gegenkräfte wegfielen – die parlamentarische Kontrolle der Beschwerdeweg der Gefangenen, die freie Presse, die Berechenbarkeit der Haftdauer, die Vorstellung dass am Ende der Strafe die Entlassung steht.
00:04:17: Ideen & Konzepte die in der Republik noch am Rechtsstaat gescheitert waren, wurden jetzt in die Tarte umgesetzt.
00:04:25: Die neuen Lebensumstände trafen alle Häftlinge egal ob sie für uns heute unschuldig oder kriminell waren.
00:04:32: Der Vollzug machte da keinen Unterschied weil es sich aus Sicht der Zeit bei einem SPD-Funktionär der illegale Flugblätter verteilte ebenso um einen Verbrecher handelte wie beim Dieb.
00:04:44: zur Erinnerung In den letzten Jahren saßen jeden Tag rund hunderttausend Menschen hinter Gittern, fast doppelt so viele wie zur Zeit der Republik.
00:04:54: Dem Regime und der gleichgeschalteten Öffentlichkeit galten diese Zahlen als Beweis – dass die neue Härte funktionierte.
00:05:01: In Wirklichkeit steckte dahinter jedoch eine sich selbst verstärkende Schleife, einen Radikalisierungskreislauf zwischen politischer Führung, Polizei- und Gefängnisverwaltung.
00:05:12: Diesen Kreislauf nachzuvollziehen Das ist das Ziel der heutigen Folge.
00:05:17: Lasst uns deshalb zunächst einen Blick auf die Reorganisation des Strafvollzugs werfen.
00:05:33: In der Berliner Zentrale war niemand anderes als der vorhin erwähnte Staatssekretär Roland Freisler zuständig für das Gefängniswesen.
00:05:49: Die tatsächliche Arbeit übernahm aber nicht Freislar, sondern eine ihm unterstellte Abteilung des Ministeriums.
00:05:58: Leiter dieser Abteilungen für Strafrechtspflege und Straffollzugsverwaltung war Wilhelm Krone.
00:06:05: Krone hatte in der Republik als Richter am Landgericht gearbeitet und war von seinen Vorgesetzten mehrmals wegen rassistischer Äußerungen im Gerichtssaal – auch wegen seiner politischen Voreingenommenheit kritisiert worden.
00:06:20: Mit den Nazis sympathisierte Krone zuerst verdeckt, dann im September, die NDRP-Wahl trat er.
00:06:28: Und zwar gleich nachdem die Regierung Papen das Mitgliedschaftsverbot für Beamte aufgehoben hat.
00:06:35: Im April neunzehntundertdreisig holte der neue preußische Justizminister Hans Kerl, den Krone als Ministerialdirektor nach Berlin.
00:06:44: Gemeinsam mit seinem Chef Freißler wurde Krone schließlich ins Reichsjustizministerium übernommen.
00:06:51: In der Abteilung für Strafrechtspflege und Straffollzugsverwaltung arbeiteten zu Anfang aber nicht ausschließlich Nationalsozialisten.
00:06:59: Krones Untergebende waren in der Mehrzahl konservativ Er vielleicht sogar autokratisch gesinnte Beamte, die sich aus dem Vollzugsdienst hochgearbeitet hatten also auf praktische Erfahrung zum Beispiel als Gefängnisdirektor zurückblicken konnten.
00:07:14: Die Unterabteilung Strafvollzug leitete der Achtzehnhundertachzig geborene Rudolf Marx – keine Verwandtschaft zu Karl.
00:07:23: Er trat nie in die NSDAP ein und war aber seit nineteenhundertvierzig Mitglied der SA.
00:07:30: Sein Stellvertreter Edgar Schmidt war ebenfalls kein Parteibuch-Nazi.
00:07:35: Vor der Machtübernahme hatte er seine politische Heimat im Zentrum gehabt.
00:07:40: Sowohl Schmidt wie sein vorgesetzter Rudolf Marx hatten, vor ihrer Karriere im Justizministerium verschiedene Strafanstalten geleitet.
00:07:48: Nach dem Krieg kommentierte Marx seine Rolle lapidar.
00:07:53: Ich habe mich immer nur als Fachmann betrachtet.
00:07:56: Dieser bequemen Ausrede bedienten sich viele Justizbeamte und zwar unabhängig davon, ob sie Mitglied der NSDAP gewesen waren oder nicht.
00:08:04: Mit der Auflösung der Länderjustizministerien ging die regionale Aufsicht über das Gefängniswesen auf die Generalstaatsanwaltschaften über von denen es Anfang XXVI gab.
00:08:16: Die Generalstaatesanwaltschaften beaufsichtigten und kontrollierten die Haftanstalten leiteten die Verordnungen des Reichsjustizministeriums weiter und waren Ansprechpartner für Beschwerden- und Vorschläge von unten.
00:08:30: Aufgrund ihrer Schlüsselstellung, auch bei der Strafverfolgung, waren überdurchschnittlich viele Generalstaatsamwälte neunzehndundertreißig ausgetauscht worden.
00:08:40: Die meisten der neuen Amtsinhaber waren jedoch keine alten Nazikämpfer, sondern kamen ebenfalls aus dem autokratisch bürgerlichen Milieu.
00:08:49: Erst nach und nach traten sie den NSDAP bei.
00:08:54: hatten schließlich alle Generalstaatsamwälte ein Parteibuch.
00:09:00: Für die Einstellungen der obersten Strafvollzugsbeamten spielte die Mitgliedschaft in der NSDAP aber tatsächlich keine große Rolle, denn auch diejenigen ohne Parteibuch schwenken voll und ganz auf den Kurs der neuen Härte ein.
00:09:15: Dieser Kurs war gar kein Geheimnis sondern wurde vom Reichsjustizministerium öffentlich beworben.
00:09:26: vor einer Delegation britischer Gefängnisbeamter.
00:09:30: Das Programm des Strafrechts ist stahlhard, wenn nicht hören will muss fühlen und Schmitz-Abteilungsleiter Wilhelm Krone kündigte in einer Fachpublikation bereits neunzehntundertsechsunddreißig an dass die unbelehrbaren unter den strafgefangenen ausgemerzt werden müssten.
00:09:50: In der Zeitschrift Der Straffollzug konnte man Auch übrigens im Sommer, in den letzten Jahren schon lesen wir sehr sich die Beamten doch freuten, dass die Rechtsbrecher – die Gefangenen-Anstalten wieder als Häuser der Strafe und nicht als Erholungsheim ansehen lernen.
00:10:10: In Wirklichkeit freuten sich natürlich nicht alle Beamte.
00:10:13: Aber wie die Polizei wurden auch die Gefängnisverwaltungen in den ersten Jahren gezielt gesäubert.
00:10:20: Die Arbeitsgemeinschaft für die Reform des Strafvollzugs wurde zwangsaufgelöst Reformwillige oder politisch als unzuverlässig geltende Direktoren versetzt, entlassen.
00:10:31: Im Preußen betraf das sechs von sechsohnvierzig Gefängnisleitungen.
00:10:35: In Hamburg wurde der Chef der städtischen Strafvollzugsbehörde sogar verhaftet und für einige Zeit in eines seiner eigenen Gefängnisse eingesperrt.
00:10:46: Insgesamt hielten sich die Entlassungen aber in Grenzen – vor allem Beamte auf den unteren Ebenen konnten ihren Job behalten, selbst wenn sie SPD-mitglied gewesen waren oder offen mit den Reformen sympathisiert hatten.
00:10:59: Während die Säuberungswelle über dem Strafvollzugsdienst hereinbrach nutzten viele Gefängnisbeamte die Gelegenheit ihre Vorgesetzten eilfertig mit Verbesserungsvorschlägen zu überfluten.
00:11:12: Die Aufseher sollten reichlich vom Gummiknüppel Gebrauch machen – angeblich Faule in Sassen sollten weniger Verpflegung erhalten.
00:11:20: Und überhaupt sollte möglichst schnell das Beschwerderrecht der Häftlinge eingeschränkt werden.
00:11:25: Auch eine Rückkehr zu den militärischen Umgangsformen, wie zur Kaiserzeit wurde gefordert.
00:11:31: Tatsächlich änderte sich der Umgang zwischen Aufsehern und Gefangenen ab in nineteenhundertdreisig nachhaltig.
00:11:38: Ständig mussten die Häftlänge salutieren sogar wenn sie ihren Nachttopf lehrten.
00:11:43: Die Beamten trieben diese neue militärische Disziplin voran, weil sie am meisten selbst ehemalige Soldaten waren.
00:11:52: Ein Aufseher aus Berlin meinte – wie beim Militär der Geist vom Exerzierplatz in die Kaserne selbst hineingetragen wird, so wird auch in den Gefängnissen bei militärischer, das heißt bei Straffer und exakter Durchführung des Exerziehunterrichts dieser Geist nicht im Gefängnishof sein Dasein fristen sondern von den Gefangenen mit in das Haus hineingetragen werden.
00:12:18: Ein Gefängnisdirektor prallte sogar, ich glaube wenn ein gefangener Nachts von mir träumt nimmt er Strammhaltung im Bett ein.
00:12:28: Selbst die Leitung von Frauenhaftanstalten begrüßte mehrheitlich diese Initiativen – Die Direktoren einer Jugendhaftanstalt für Mädchen meinte, die Notwendigkeit zur Straffenerziehung auch der Frauen liegt im Zuge der Zeit.
00:12:43: Statt Fußball oder Handball stand in vielen Anstalten nun Wehrsport auf dem Programm.
00:12:49: Die zu diesem Zeitpunkt bereits gleichgeschaltete fossische Zeitung beschrieb eine solche Szene im Oktober, wie folgt.
00:12:58: Eins zwei drei und vier links marschiert auf rechts marschert auf hinlegen der Sand spritzt Laufschritt Marsch-Marsch.
00:13:07: Kritik an der Militarisierung gab es aber auch.
00:13:11: ein Direktor beklagte die Verwandlung der Gefängnisse Miniatur-Kaserne.
00:13:16: Die Leiterin einer Frauenhaftanstalt bezeichnete den neuen Geist als geradezu lächerlich.
00:13:23: Schon die gleichgeschalteten Länder Justizministerien hatten eilig neue Gefängnisvorschriften erlassen.
00:13:30: In Sachsen schaffte der braune Justizminister Thierak die Anstaltsgerichte ab, schränkte das Beschwerde recht massiv ein und entließ die meisten Sozialarbeiter.
00:13:42: In den letzten Jahren gab es in Erzbüchern eine Ausstattung von Städten, die sich um einiges verabschiedet haben.
00:14:02: Das war eine strikte Einzelhaft bei Wasser und Brot, die zwar über mehrere Wochen gehen konnte jedoch an jedem dritten Tag dem sogenannten guten Tag ausgesetzt wurde.
00:14:13: Das Preußische Justizministerium machte daraus nun ein Standardmittel der Bestrafung und führte als neue Höchststrafe den sogenannten strengen Arrest ein.
00:14:23: Beim strengeren Arrest wurde der gute dritte Tag abgeschafft sodass ein Häftling nun mehrere Wochen bei Wasser und Brot und ohne Sonnenlicht in Einzelhaft verbringen musste.
00:14:34: Justizminister Hans Kerl meinte, die Maßnahme sei geeignet – in dem Strafgefangenen den absoluten Wunsch lebendig werden zu lassen, nie wieder in ein solches Haus hineinzugelangen.
00:14:47: Erstaunlich wenig änderte sich in Bayern.
00:14:50: Denn der Freistaat hatte bereits vor der Machtübernahme deutschlandweit die härteste Linie im Strafvollzug verfolgt.
00:14:57: Ein hoher bayerischer Gefängnisbeamter bemerkte zufrieden, seine Behörde habe sich stets von der extremen Richtung des Erziehungsstrafvollzugs ferngehalten.
00:15:07: Das bezäugen am besten die nicht seltenen Beschwerden von Gefangenen über zu strenge Behandlung sowie über nicht zusagende Kosten.
00:15:18: Während der Prozess der Verreichlichung der Justiz noch im Gang war.
00:15:22: Er ließ das Reichsjustizministerium im Mai, in der wir in Deutschland geltende Gefängnisvorschriften haben.
00:15:29: Den Entwurf dazu hatte man mit führenden Gefängnisbeamten auf einer Konferenz im Oktober und erarbeitet.
00:15:37: Die Haft sollte nun ganz offiziell ein empfindliches Übel für die Gefangenen sein.
00:15:44: Von einer humanen Behandlung wie sie noch die Vorschrifte von neunzehntundertdreinzwanzig gefordert hatten war gar nicht mehr die Rede!
00:15:53: Die neuen Gefängnisvorschriften schränken das Beschwerderecht stark ein und verboten jede Form von Hafturlaub.
00:16:00: Sei es auch nur ein kurzer Spaziergang außerhalb der Gefängnismauern.
00:16:04: Nach preußischem Vorbild wurde der verschärfte Arrest zum Standarddisziplinarinstrument.
00:16:11: Wer eine Zuchthausstrafe erhalten hatte, dem drohte sogar standardmäßig der strenge Arrest – also der ohne die guten dritten Tage!
00:16:21: Neben der Militarisierung des Knastalltags spielte, zumindest am Anfang die religiöse Unterweisung wieder eine größere Rolle.
00:16:29: Der Besuch des Gefängnisgottesdienstes wurde nun vielerorts zur Pflicht.
00:16:34: Das hielt die Gefangenen aber nicht davon ab die Versammlungen zu nutzen um miteinander zu handeln und sich unterhalten.
00:16:41: Den Gefängnislitung war das natürlich ein Dorn im Auge.
00:16:44: Noch weit aus Verdächtiger wurden die Gottesdienste aber dann, als manch ein Geistlicher in seinen Predigten das Regime zu kritisieren begann oder sogar politische Diskussionen unter den Insassen zulies.
00:16:58: Insofern dürfte es euch nicht überraschen dass das religiöse Revival hinter Gittern nur von kurzer Dauer war.
00:17:06: Der Gefängnisunterricht hatte schon in der Weimarer Zeit keine besondere Qualität gehabt.
00:17:12: Jetzt verlor er jeden praktischen Nutzen für die Häftlinge, denn in seinem Mittelpunkt stand nun die weltanschauliche Indoktrination mit nationalsozialistischem Gedankengut.
00:17:24: Die Lehrer hielten Referate über die Rassentheorie oder lasen aus dem völkischen Beobachter vor.
00:17:31: Die wenigen Stunden, die dem Lesen und Schreiben blieben wurden mit Texten von braunen Klassikern wie Rosenberg.
00:17:40: Selbst die wenigen Gefängnis-Zeitungen, die es gab wurden gleichgeschaltet, indem man die Heftlinge von jeder Mitarbeit ausschloss.
00:17:47: Der Erfolg dieser Bemühungen aus gefangenen lebenstüchtige Glieder der Volksgemeinschaft zu machen war nicht sehr groß.
00:17:56: Aber alles in allem zogen Strafvollzugsbehörden eine positive Bilanz über neue Härte im Gefängnis.
00:18:04: So behauptete das Bayerische Justizministerium in einem Bericht nach Berlin schon Ende, die mit dem strengen Strafvollzug verfolgten Grundsätze der Sühne und Abschreckung wirken sich nach übereinstimmendem Urteil aller Anstallsvorstände sehr günstig auf das Verhalten der Gefangenen.
00:18:24: Und damit auf die Ordnung in den Anstalten
00:18:26: aus.".
00:18:28: Die Wirklichkeit sah anders aus.
00:18:31: Fast alle Haftanstalten waren massiv überbelegt – Das Zuchthaus Brandenburg-Gürden Ein Neubau aus dem Jahr nineteenhundertdreißig und als das deutsche Sing-Sing bekannt war für eintausend einhundert Insassen ausgelegt, musste aber im Oktober vierund dreißig fast zweitausend Personen unterbringen.
00:18:53: In vielen Abteilungen waren pro Schicht nur zwei Aufseher für über zweihundertfünfzig Gefangene zuständig.
00:19:01: Der Ansteizdirektor warnte deshalb Das hierbei von einer ordnungsgemäßen Durchsuchung der Zellen regelmäßigen Gitterprüfungen, fortgesetzter dauernder Kontrolle und letzten Endes.
00:19:13: Von einer Sicherheit – nicht mehr die Rede sein kann – dürfte ohne weiteres ersichtlich sein.
00:19:21: Andernorts sah es kaum besser aus.
00:19:23: Zellen für vier Personen wurden mit sechzehn belegt.
00:19:26: Gemeinschaftszellen mit hundert und mehr Insassen waren keine Ausnahme.
00:19:31: Um Platz zu schaffen, öffneten die Gefängnisbehörden baufällige Zellentrakte wieder.
00:19:36: Oder sie ließen andere Räume in Zellen umwandeln – zum Beispiel Sporthalen.
00:19:41: Im Sommer of the Summer of the summer of the year nineteen hundred thirty-five beklagte sich der Direktor des Suchthauses Remscheid Löttinghausen.
00:19:48: etwa Die Gefangenen liegen bei dieser Hitze zu dritt in einer kleinen Normalzelle.
00:19:54: Das gibt Ausdünstungen, die unerträglich sind vor allem wenn diese gefangenen vierzehn Tage hindurch Tag und Nacht dieselbe Wäsche tragen müssen.
00:20:04: Überbelegung und Unterbesetzung führten dazu, dass die Zahl der Fluchtversuche durch die Decke ging.
00:20:10: In den letzten Jahren berichtete der Direktor der Haftanstalt unter Maasfeld in Thüringen jede achte Insasse habe bereits mindestens ein Flucht-Versuch unternommen.
00:20:21: Das NS-Regime dachte jedoch nicht daran die Folgen der Masseninhaftierung finanziell abzufedern.
00:20:27: In den Strafvollzug wurde kaum zusätzliches Geld gepumpt.
00:20:31: Stattdessen setzte man arbeitslose Parteigenossen als billige Arbeitskräfte ein.
00:20:35: Bis Mitte der dreißiger Jahre wurden rund eintausend SA-Männer als sogenannte Hilfsaufseher eingestellt.
00:20:43: Dieser Schritt verschärfte allerdings die Disziplinprobleme nur weiter, denn die Aushilfen nahmen ihren Dienst oft nicht sehr ernst – welche Überraschung!
00:20:52: In den Akten haben sich zahlreiche Beschwerden über die SA Männer erhalten….
00:20:56: Die Braunhemden schliefen auf der Wache ein, verweigerten die Befehle der altgedienten Beamten oder spielten ihnen dumme Streiche.
00:21:04: Wo sie als Aufseher Dienst taten, nahmen der Schwarzhandel mit Zigaretten, Alkohol und Schlimmerern erheblich zu.
00:21:11: Gegen diese Missstände vorzugehen konnte jedoch selbst für Direkturen gefährlich werden – jedenfalls dann wenn die SA-Männer über gute Kontakte zu den örtlichen Parteistellen verfügten.
00:21:22: Nicht nur einmal kam es zu Strafversetzungen!
00:21:25: Aber eben nicht von Braunhemden, sondern von Aufsehern und Gefängnestirektoren.
00:21:30: Trotz allem übernahm das Reichsjustizministerium nach und nach die meisten Hilfsaufseher aus den Reihen der SA in den regulären Strafvollzugsdienst, der auf diese Weise bis neunzehntundhundertdreißig auf fast neuntausend Beamte angwuchs.
00:21:46: Mit dem auftauchen der SA bekam die Gewalt gegen Insassen eine neue Dimension.
00:21:52: Grundsätzlich hatten nicht einmal die Gefängnisleitungen damit ein Problem….
00:21:56: Zu den frühen Verbesserungsvorschlägen hatte nämlich auch die Forderung gehört, die Prügelstrafe wieder einzuführen.
00:22:02: Das Reichsjustizministerium lehnte das aber ab – in einer internen Sitzung erklärte ein führender Beamter Anfang von der Nr.
00:22:10: neunzehnhundert und dreißig.
00:22:11: für Widersetzlichkeiten genügt der Gummiknüppel, von dem man zur rechten Zeit Gebrauch machen kann.
00:22:18: Und einen Generalstaatsanwalt erinnerte, die ihm unterstellten Gefängnisbeamten.
00:22:23: Zucht und Ordnung lassen sich auch ohne Stöße, Schläge oder Schimpfworte aufrechterhalten.
00:22:29: Selbstverständlich ist jeder Angriff auf einen Beamten und jede Widerstandsleistung unnachgiebig zu brechen – notfalls mit dem Gummiknüppel!
00:22:37: Darüber hinaus ist aber jeder Schlag- oder Stoß strafbar.
00:22:41: Durchgesetzt wurde diese Linie freilich nur halbherzig.
00:22:46: In der Regel schaute die Generalstaatsanwaltschaften nicht so genau hin was in ihren Gefängnissen geschah.
00:22:51: Bestimmte Formen der Gewalt wurden stillschweigend sogar gebilligt.
00:22:56: Das war allerdings nicht neu!
00:22:58: Schon vor neunzehundertdreinund dreißig war es üblich gewesen, Gefangene zu verprügeln die einen Fluchtversuch unternommen hatten.
00:23:06: Ein erfolgreicher Gefängnisausbruch hatte ernste Konsequenzen für die Aufseher und das Leitungspersonal – da wegen der Überbelegung die Flucht-Versuche zunahmen merkten sich solche Vorfälle in den Dreißiger Jahren also….
00:23:19: Nur ausnahmsweise folgten daraus dann Konsequenzen.
00:23:23: So eine Ausnahme ereignete sich in dem brandenburgischen Zuchthaus Lukau.
00:23:30: Als dort ein Gefangener bei einem Fluchtversuch erwischt wurde, beteiligte sich der Gefängnestirektor persönlich an den Vergeltungsmaßnahmen.
00:23:38: Erst verprügelte er den Gefangenen, dann befahl er einen Aufseher den Gummiknüppel einzusetzen.
00:23:45: Anschließend ließ er den Gefangenen für eine Woche in ein feuchtes Kellerloch sperren und durch Mithäftlinge weiter zusammenschlagen.
00:23:52: Erst danach kam der Geschundene für einen Monat in einer Arrestzelle.
00:23:57: Als der Vorfall bei der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft landete, wertete sie die persönliche Beteiligung des Direktors als Grenzüberschreitung – als sichtbares Zeichen des Kontrollverlustes.
00:24:09: Der Direktor wurde abgesetzt vor Gericht gestellt und wegen Körperverletzung im Amt zu einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt.
00:24:17: Solche Fälle, in denen die Aufsichtsbehörden eingriffen waren aber wie gesagt die Ausnahme.
00:24:22: Während Gewalt- und Willkür in den Gefängnissen zunahmen, wurde die Versorgung der Insassen mit Lebensmitteln massiv eingeschränkt.
00:24:30: Das entsprach der neuen harten Linie im Strafvollzug war auch eine Folge der allgemeinen Teuerungen.
00:24:37: Kaffee, Tee, Reis oder Linsen gab es praktisch nirgendwo mehr.
00:24:41: Fleisch und Fett waren die Ausnahme.
00:24:43: Hauptmalzeit war fast überall – Tag ein, Tag aus – eine wässrige Gemüsesuppe.
00:24:50: In manchen Anstalten war die Versorgungslage derart kritisch das gefangene verschimmelte Brotreste aus Mülleimern fischten.
00:24:58: In Kombination mit der katastrophalen Überbelegung und den schlimmen hygienischen Zuständen führte die Mangelernährung zur Ausbreitung von Hautkrankheiten, starkem Untergewicht, lebensbedrohlichen Atemwegsinfektionen und Parasiten.
00:25:15: Wer hinter Gittern krank wurde konnte aber nicht darauf hoffen geschont zu werden.
00:25:20: Das war insofern auch nicht neu als bereits zur Kaiserzeit die Maxime gepredigt wurde – ein kranker Gefangener sei Erstdräflinge und dann Kranke!
00:25:29: Dieser Satz stammte aus einem Lehrbuch der Zeit vor.
00:25:35: In dem Buch heißt es weiter, die Disziplin des Hauses steht höher als die Gesundheit des Rechtsbrechers.
00:25:43: Nach nineteenhundertdreisig nahmen sich die Gefängnisverwaltungen und die Gefägniserzte diese Empfehlungen sehr zu Herzen.
00:25:51: Die meisten Ärzte waren nur nebenamtlich im Gefängnistätich bekamen also vom Haftalltag gar nicht so viel mit.
00:25:58: Trotzdem betrachteten viele jeden Häftling zunächst einmal als potenziellen Betrüger und Simulanten.
00:26:05: Da die Maxime galt, die Gefangene mit aller Härte zu behandeln fühlten sich die Mediziner dazu berufen dies auch bei Krankenhäftlingen so zu halten.
00:26:14: Selbst akut erkrankte Insassen bekamen nur im absoluten Notfall Sonderation weil die Ärzte ihre Patienten nicht verhetschen wollten und weil Sonderration zusätzliches Geld kosteten.
00:26:27: Besonders übel waren die Zustände für weibliche Häftlinge.
00:26:31: Nur sechs der einhundertsechzig größeren Haftanstalten waren Frauengefängnisse.
00:26:37: Die meisten Frauen saßen in abgesonderten Zellentrakten von Männergefängnissen, dort arbeiteten aber auch fast nur Männer als Aufseher.
00:26:46: Regelmäßig kam es dann noch zu Geburten hinter Gittern.
00:26:51: Die Meisten Ärzte hatten gar keine Ahnung von Geburtshilfe, Hebammen waren die absolute Ausnahme und Ärztinnen übrigens auch.
00:27:00: Die Generalstaatsanwaltschaften und das Reichsjustizministerium, die Zustände eigentlich überwachen sollten, kümmern sich aber sehr wenig um Frauengefängnisse.
00:27:10: Selbst wenn es zu Übergriffen kam, die sogar dem Wachpersonal Angst einjagten – so war's zum Beispiel im Fall des Dr.
00:27:17: Ludwig Schemmel.
00:27:19: Schemmel arbeitete seit deiner Zeit als Gefängnisarzt in der Frauenhaftanstalt Eichach in Bayre Schwaben.
00:27:27: Da er dieses Amt aber nur nebenberuflich ausfüllte, brachte er wenig Zeit für die medizinische Versorgung der Insassen mit.
00:27:35: War er dann doch mal im Krankenquartier?
00:27:38: ließ er die Frauen zunächst einmal barfuß auf dem kalten Steinboden warten.
00:27:43: Gerute der Herr Doktor sich zur Untersuchung zu schreiten, teilt er das unter Beschimpfungen Schlägen und Tritten.
00:27:50: Vom Ende der Dreißigerjahre sind zwei anonyme Briefe von Aufseherinnen erhalten, die der Generalstaatsanwaltschaft München von den Misshandlungen berichteten.
00:28:01: Darin beklagten die Beamtenen Dr.
00:28:03: Schemmel habe sichtbar Freude daran sich angefangen zu vergreifen und sie zu quälen – und er hat hier ein großes Feld seine Gelüste zu befriedigen!
00:28:14: Fast bei jedem Arztrapport werden die Gefangenen georfeigt oder an den Haaren herumgezogen.
00:28:21: Trotz dieser eindeutigen Schilderung der Sachlage durfte Schemmel Anstaltsarzt bleiben – vielleicht weil man sich in München nicht dafür interessierte, was in Eichach geschah?
00:28:33: Vielleicht auch, weil Schemmel ein aktives und beliebtes Mitglied der örtlichen NSDAP war!
00:28:39: Überhaupt hatte er sich äußerst verdient gemacht um die Rasse- und sozialpolitischen Ziele des Regimes….
00:28:45: Denn der Herr Doktor war an weit über einhundertfünfzig Zwangsstrellisationen in Eichach beteiligt, entweder als Gutachter oder als den Eingriff durchführender Mediziner.
00:28:57: Nach dem Ende des Nazi-Regimes entfernte die amerikanische Besatzungsmacht Schemmel zunächst von seinen Posten.
00:29:04: Nachdem er im Entnazifizierungsverfahren eine Einstufung als Mitläufer erreichen konnte, ging er nineteenhundert achtundvierzig wieder zurück nach Hier wirkte er bis nineteenhundertzehnundsechzig als Anstaltsarzt.
00:29:18: Daneben unterhielt er eine Praxis als Hausarzt, saß im Stadtrat von Eichach und trat an der Volkshochschule als Experte für weibliche Gesundheit auf – zum Beispiel mit einem Vortrag über die seelischen Krisen im Leben der Frau.
00:29:36: In diesen ersten Jahren der nationalsozialistischen Diktatur gab es im Knastalltag eigentlich nur eine einzige spürbare Erleichterung Und die hingen ironischerweise mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise zusammen.
00:29:50: Die Massenarbeitslosigkeit hatte nämlich vor den Gefängnismauern nicht Halt gemacht.
00:29:56: Er leistete nur jeder zweite Heft-Link-Zwangsarbeit.
00:30:00: Für den Rest gab es schlichtweg nicht genug zu tun.
00:30:04: Daran änderte sich nach der Machtübernahme der Nazis erst einmal ein wenig.
00:30:09: Die Gefängnisse oder besser gesagt deren Verwaltungen profitierten gewissermaßen erst als Letzte von den sinkenden Arbeitslosenzahlen.
00:30:18: Ministerialdirektor Krone verfluchte noch im November, die katastrophale Arbeitslosigkeit in den Anstalten.
00:30:27: Die Insassen selbst waren darüber nicht sonderlich erboßt – das klein bisschen Geld, dass sie mit der harten Arbeit verdienten fehlte ihnen natürlich.
00:30:36: Doch in manchen Anstaltern öffnete die Unterbeschäftigung völlig neue Freiräume.
00:30:42: Ein Häftling berichtete später, er habe die meiste Zeit mit zwanzig anderen Insassen in einem Gemeinschaftsraum gehockt und Hallmar oder Schach gespielt.
00:30:52: Der Kommunist Friedrich Schlotterbeck erinnerte sich an diese Phase seiner Haft fast schon wehmütig – er befand sich in der luxuriösen Situation seine Zelle nur mit einem weiteren Insassen zu teilen.
00:31:05: Hier, so Schlotterbeck, lass ich von früh bis spät deutsche Klassiker und Philosophen.
00:31:11: Ich war so glücklich wie man es im Zuchthaus sein
00:31:13: kann.".
00:31:15: Die Unterbeschäftigung war auch neunzehntundhundertfünfunddreißig noch weit verbreitet – kaum jeder zweite Hälftling leistete damals Zwangsarbeit!
00:31:23: Erst in den kommenden Jahren sollte sich der Trend umkehren dann aber umso schneller.
00:31:29: Bereits neunzenthundertachtunddreißig würde die Zwangssarbeit den Alltag im Knast bestimmen bis zu einem Untergang, oft genug auch darüber hinaus.
00:31:39: Auf die Ursachen dieser Entwicklung werde ich aber erst in einer späteren Staffel
00:31:43: eingehen.".
00:31:47: So viel ganz allgemein zum neuen Alltag Hintergittern.
00:31:50: Jetzt möchte ich mit euch näher darauf schauen wer eigentlich die Menschen waren, die hinter Gittern saßen und warum sie dort saßen?
00:31:57: Kommen wir zunächst zu den sogenannten politischen Gefangenen.
00:32:02: Ich sage so genannte weil der Begriff des Politischen gar nicht so unproblematisch ist wie er zunächst scheint.
00:32:08: Unter einem politischen Gefangenen versteht man heute jemandem, der aus politischen oder weltanschaulich religiösen Gründen in Haft genommen wurde.
00:32:16: Auch die Art der Haft spielt dabei eine Rolle – wenn nämlich Haftdauer und oder Haftbedingungen in keinem Verhältnis zur Tat stehen, dann spricht man auch von einem politischem Häftling.
00:32:29: Und da merkt ihr vielleicht schon beide Merkmale, nämlich die Begründung der Strafe und die Strafe selbst.
00:32:34: Die brauchen einen Maßstab mit dem wir als beobachtende Dritte entscheiden können, das ist eine politische Haft oder das ist eben keine Politischer Haft.
00:32:45: Profokant gefragt – Ist ein Neonazi der wegen Volksverhetzung eingesperrt wird einem politischer Gefangener?
00:32:52: Was es mit Unterstützern der RAF, der roten Armeefraktion die zwar selbst keine Gewalttaten begangen haben aber die eben die Sache der linksradikalen Terroristen teilten?
00:33:04: Ich will diese Beispiele hier jetzt gar nicht ausdiskutieren.
00:33:07: Sie sollen nur deutlich machen, was für den Beobachter also uns politisch ist oder nicht.
00:33:12: dafür braucht es einen Maßstab zum Beispiel die Menschenrechte oder die freiheitlich-demokratische Grundordnung.
00:33:20: so damit aber nicht kompliziert genug.
00:33:23: Politische Gefangenschaft ist nämlich nicht nur eine Beschreibungskategorie von uns als historischen Beobachtern.
00:33:29: sie ist auch Kategorie gewesen, die damals verwendet wurde und zwar sowohl vom NS-Staat wie von seinen Gegnern.
00:33:39: Sie wurde also von Tätern wie Opfern genutzt nur eben unter gegensätzlichen Vorzeichen.
00:33:45: Die Nazigegner gebrauchten die Zuschreibung politischer Gefangene um den Terror des Staates und die prinzipielle Unfreiheit im Dritten Reich anzubringern.
00:33:55: Für sie waren dabei vor allem die eigenen Leute Hintergittern gemeint, also zum Beispiel Parteimitglieder und Funktionäre der KPD oder SPD.
00:34:02: Oder auch Gewerkschaftler.
00:34:05: Das NS-Regime verstand unter den politischen Heftlingen aber sehr viel mehr.
00:34:10: Und das lag daran dass in der nationalsozialistischen Weltanschauung praktisch jeder Lebensbereich einen politischen Kern besaß.
00:34:20: Damit konnte aber auch praktisch jede Meinungsäußerung Jede Handlung sei sie privat oder öffentlich als politisch gewertet werden.
00:34:29: Ein verweigerte Hitlergruß auf der Straße, ein Witz über Goebbels unter Freunden eine abfällige Bemerkung über die Wehrpflicht beim Feierabendbier – all das konnte potenziell strafrechtliche Folgen haben.
00:34:42: Ich sage Potenziell weil es im Einzelnen dann immer auf die Umstände ankam.
00:34:46: Aber der Anspruch dahinter war real!
00:34:49: Es war der Anspruch auf totale Vereinnahmung des Einzelnen für die Gemeinschaft und den Staat.
00:34:55: Jeder Widerstand dagegen sei ja noch, so schwach und passiv gefährdete demnach das große Ganze Und deshalb war dieser Widerstand für das Regime immer schon politischer Natur Selbst dann wenn dahinter überhaupt kein politisches Motiv steckte.
00:35:09: Dieser letzte Punkt ist wichtig.
00:35:11: Deshalb wiederhole ich ihn nochmal in einer anderen Formulierung Der Nazi-Staat sagt quasi selbst dort eine politische Opposition mit in aktiven Widerstand, wo überhaupt keiner war.
00:35:23: Wer einen Goebbelswitz erzählt oder die wärflich kritisierte, empfand sich selbst ganz sicher nicht automatisch als Widerstandskämpfer.
00:35:30: Für das Regime war diese Person aber ein Gefährder – oder eine Gefährlerin der politischen und gesellschaftlichen Ordnung also einer Gefährderin oder ein Gefärder des Führerstattes und der
00:35:41: Volksgemeinschaft.".
00:35:44: Nach dieser wichtigen Begriffsarbeit wollen wir uns zunächst einmal anschauen, wie viele politische Gefangenes im Dritten Reich nach seiner eigenen Statistik überhaupt gab.
00:35:55: Zur Erinnerung vorweg die braune Straftjustiz nutzte in wesentlichen zwei Hebel um Menschen wegen politischer Vergehen vor Gericht zu stellen.
00:36:04: Der erste Hebel war der Hochverratstatbestand.
00:36:07: Der war nicht neu, aber mit Hitlers Ernennung zum Kanzler hatten viele Richter voller Begeisterung ihre bewährten juristischen Auslegungsmethoden über Bord geworfen um das bestehende Gesetz auf alle nur denkbar mögliche Handlungen auszuweiden.
00:36:22: Neu war dagegen der Heimtücke-Tatbestand.
00:36:26: Spätestens seit seiner Verschärfung in Gesetzesform konnte praktisch jede Meinungsäußerung – ob privat oder öffentlich als Heimtycke strafrechtlich verfolgt werden.
00:36:37: Auf diese Weise gewappnet hatten die Gerichte anfangs alle Hände voll zu tun, um Menschen wegen Hochverrat und Heimtücke hinter Gittern zu bringen.
00:36:47: Die ersten zwei Jahre der Diktatur waren gewissermaßen die Hochzeit – war sozusagen die Zeit einer Verurteilungswelle.
00:36:54: Aber auch im Juni-Ninzehundertdreißig saßen immer noch knapp fünfzehntausend Personen wegen politischer Vergehen hinter Gitern.
00:37:03: Weitere Achttausend befanden sich in Untersuchungshaft und warteten also noch auf das Urteil im Prozess.
00:37:10: Anders gesagt, rund ein Viertel der Einhunderttausende Heftlinge im Dritten Reich waren neunzehnhundertfünfundreißig politische Gefangene.
00:37:19: Damit saßen damals viel mehr Politische in regulären Strafvollzugsanstalten als in den Konzentrationslagern der SS die insgesamt auf rund dreieinhalb Tausend Insassen kamen.
00:37:31: Der Kreis, der von der Strafjustiz verfolgten war natürlich noch einmal höher als die rund... ähm... ...dreiundzwanzigtausend Personen im Jahr nineteenhundertfünfunddreißig.
00:37:41: Weil Häftlinge entlassen wurden und neue hinzukam.
00:37:45: Zwischen neunzehnhundertvierund dreißig und siebenunddreißig verurteilte etwa das Oberlandesgericht Hamm zwölftausend Personen wegen Hochverrat.
00:37:55: In den anderen Oberlandsgerichtsbezirken waren es im Durchschnitt weniger Aber damit kommt man immer noch auf tausende Fälle.
00:38:03: Insgesamt ging die Zahl der Verurteilungen wegen politischer Vergehen nach nineteenhundert fünfunddreißig zurück, das hatte vor allem damit zu tun dass der Sicherheitsdienst der SS und die Gestapo den organisierten Widerstand der Arbeiterbewegung weitgehend gebrochen hatten.
00:38:19: Zum Beispiel lag neunzehnhundertsechsunddreißig die Zahl des vermeintlichen Hetzschriften, die beschlagnahmt waren bei eins Komma fünf Millionen Exemplaren.
00:38:29: Nur zwei Jahre später waren es nur noch einhunderttausend.
00:38:33: Bereits nineteenhundertsieben und dreißig fanden deshalb eindrittel weniger Hochverratsprozesse statt als im Jahr zuvor, und auch die Zahl der politischen Hintergittern sank kontinuierlich ab.
00:38:45: Ende neunzehnhundertdachtenunddreißig waren es dann nicht mehr dreinzwanzigtausende wie noch neunzenthundertfünfunddreißig sondern nur noch etwas mehr als elftausend.
00:38:56: Wie die Politischen im Knast behandelt wurden, das wissen wir einerseits aus den Verwaltungsakten der Gefängnisse andererseits aus Zeitzeugen berichten vor allem natürlich der Betroffenen selbst.
00:39:07: Wer als Mitläufer eingestuft wurde galt als ungefährlich und musste anfangs an speziellen Schulungen zur politischen Umerziehung teilnehmen.
00:39:16: Solche organisierten Bekehrungsversuche wurden aber bald wieder eingestellt weil die Teilnehmer die Gelegenheit nutzten zu handeln und sich unterhalten.
00:39:26: Gelegentlich kam es auch zu Protestaktionen, wenn etwa Propaganda-Reden lautstark kommentiert wurden.
00:39:33: Demgegenüber galten die Aktivisten als Unverbesserliche – sie sollten nach Möglichkeit von den anderen Gefangenen isoliert werden damit Sie ihre gefährlichen Ideen nicht verbreiten konnten.
00:39:46: In der Praxis war das freilich wegen der allgemeinen Überfüllung nicht immer möglich.
00:39:53: Die Mehrzahl der Zugänge sind politische Häftlinge, die an sich sofort getrennt werden müssten.
00:40:02: Stattdessen sind wir gezwungen sie zu zweit und zu dritt zusammenzufährchen – und wir können deshalb nicht verhindern, dass Sie sich kommunistisch gegenseitig
00:40:11: weiterbilden.".
00:40:13: Wie sich der Haftalltag eines politischen Gefangenen gestaltete, hing zunächst daran in welchem Zellenblock er oder sie gesteckt wurde….
00:40:22: hatte man nämlich das Glück, dort an einen der wenigen Aufseher zu geraten die vor neunzehundertdreisig mit der Republik sympathisiert hatten.
00:40:30: Dann war man vor Übergriffen besser geschützt!
00:40:34: Das kam nicht oft vor denn die meisten Aufsehr – ihr erinnert euch – waren stramme Antikommunisten.
00:40:40: Die scheuten sich nicht im amtlichen Verkehr etwa folgendes über ein kommunistischen Häftling zu notieren….
00:40:47: Ka hätte eigentlich erschossen werden müssen, denn er wird sich immer wieder kommunistisch betätigen sobald er Gelegenheit dazu hat.
00:40:56: Dieser schießwürdige Aufseher war kein SA-Mann sondern regulärer Vollzugsbeamter.
00:41:02: Die braunen Hilfsaufseher gab es natürlich auch noch und an so jemandem zu geraten das war für einen politischen Häftling insbesondere wenn er als Aktivist galt das Schlimmste.
00:41:14: Insgeheim hegten die Aufseher und die Gefängnisleitungen eine gewisse Furcht vor der Masse an politischen Gefangenen.
00:41:21: Sie sorgten sich massiv vor organisiertem Widerstand der Politischen.
00:41:26: Diese Furchte war aber weitaus größer als die reale Bedrohung, Bummestreiks- und Sabotageakte gab es zwar – aber nur sehr selten!
00:41:35: Das lag zum einen an den draconischen Strafen, die solche Aktionen nach sich zogen, zum anderen an der Resignation vielerpolitischer Häftlinge….
00:41:44: Ein Sozialdemokrat teilte seiner Parteiführung im Exil nach seiner Entlassung die folgende Einschätzung mit.
00:41:51: Die meisten Genossen sehen sich zurück, nach ihren Familien und wollen mit Politik nichts mehr zu tun haben.
00:42:00: Am aktivsten waren wohl noch die innerstierten Kommunisten auch wenn man hier gewisse Abstriche an die Quellenüberlieferungen machen muss – und zwar aus mehreren Gründen!
00:42:10: Erstens veranstaltete die kommunistische Partei aus dem sowjetischen Exil bereits damals ein gewaltiges Propagandagetöse, um ihre vermeintlichen Widerstandserfolge aufzubauschen.
00:42:22: Zweitens überhöhte dann nach dem Krieg die offizielle Erinnerungspolitik der DDR den kommunistischen Widerstanden maßlos.
00:42:32: Die zu dieser Zeit entstandenen Zeitzeugenberichte sind davon nicht unbeeinflusst.
00:42:37: Drittens schließlich unterlag auch das Nazi-Regime und damit dessen überlieferte Dokumente einer verzehrten Wahrnehmung.
00:42:44: Nazis wie Deutsch-Nationale sahen in den Kommunisten selbst dann noch ihren unberechenbaren, zu allemfähigen Erzfeind als der organisierte Widerstand längst gebrochen war.
00:42:56: Trotz dieser Abstriche gab es nachweislich kommunistische Agitation in den Gefängnissen.
00:43:03: In Bayern zum Beispiel schmuggelten Gefangene, zwei Haftanstalten kleine Zetteln mit politischen Losungen heraus.
00:43:09: Versteckt in den Briefumschlägen und Kaffeefiltern die sie herstellen mussten.
00:43:15: Gegenüber solchen Aktionen verlief der politische Alltag hinter Gittern weit aus weniger spektakulär.
00:43:21: Gelegentlich kam es zu Diskussionen – Die Gottesdienste als Gelegenheit dazu hatte ich ja schon erwähnt.
00:43:27: Am wichtigsten war aber der Austausch von Neuigkeiten aus der Außenwelt.
00:43:32: Der Postverkehr in die Gefängnisse wurde streng kontrolliert.
00:43:37: Hier konnten sensible Informationen, wenn überhaupt nur über vorher vereinbarte Codes übermittelt werden.
00:43:44: Deshalb bestachen einige Gefangene bestimmte Aufseher um Briefe hinaus zu schmuggeln.
00:43:50: Einige besonders verwegende sollen sogar versteckte Radios besessen haben.
00:43:56: Verbreitet wurden die Nachrichten bei jeder Gelegenheit beim Hofspaziergang, bei der Arbeit, beim Arzt oder im Gottesdienst selbst beim Lehren der Toiletteneimer und in der Dusche.
00:44:07: Konnte man nicht reden tauschte man Zettelchen aus.
00:44:10: solche schriftlichen Botschaften wurden auch in der Bibliothek deponiert.
00:44:14: die Leibücher dienten dann als tote Briefkästen.
00:44:19: Der Kontakt nach außen war für viele politische Häftlinge überhaupt ein wichtiger Überlebensfaktor.
00:44:24: Wenn es die Aufseher oder die Gefängnisleitung nicht direkt auf einen abgesehen hatte, konnte man sich Päckchen von Familie und Freunden schicken lassen.
00:44:33: Die im untergrundtätigen Netzwerke der Sozialdemokraten und Kommunisten waren dabei eine wichtige Stütze.
00:44:40: Ein ehemaliger Reichstagsabgeordnete der KPD erhielt über die Post zum Beispiel Papier- und Bleistift Englisch und Französisch Lehrbücher sowie private Fotografien.
00:44:51: Da insbesondere viele von den Aktivisten unter dem politischen Häftling über eine solide Ausbildung oder ein Studium verfügten, in jedem Fall aber durch ihre politische Arbeit belesener Waren als andere Häftlingsgruppen erhielten sie häufiger Aufgaben in der Anstalt-Selbstverwaltung.
00:45:10: Die sogenannten Kalfaktoren teilten das Essen aus, stellten die Aufsicht in der Bibliothek oder arbeiteten als Bürokräfte im Krankenrevier oder in den Werkstätten.
00:45:21: Eine solche Zuteilung konnte auch zustande kommen, weil unter Aufsehern durchaus positive Vorurteile über politische Häftlinge kursierten.
00:45:30: So erklärte ein Gefängnisbeamter – ich war froh wenn nicht nur Politiker in meinem Kommando hatte sie waren diszipliniert und machten keine krummen Dinger-Klauen und so.
00:45:39: Diese Haltung entsprach wohl der selbst Wahrnehmung vieler politischer Häftlingen.
00:45:45: Sie blickten mit Verachtungen auf die Kriminellen mit denen sie zusammengesperrt Und dieser Blick unterschied sich gelegentlich kaum von dem der Kriminalbiologen und Rassehykieniker.
00:45:57: Ein Politischer sagte zum Beispiel über seine Mithäftlinge, schon im Gesicht äußerte sich ihr tierisches Wesen.
00:46:05: Ein anderer schrieb nach dem Krieg das Schlimmste an seiner Haftzeit sei gewesen mit gefährlichen Berufsverbrechern in eine Topf geworfen und selbst zu Verbrechtern degradiert zu werden!
00:46:16: Was für Fratzen, was für eine Gemeinheit in Gesinnungen und Tat.
00:46:23: Gewissermaßen eine Untergruppe der politischen Heftlinge bildeten die Angehörigen einer Gemeinschaft, die heute als Zeugen Jehovas bekannt sind.
00:46:33: In den Verwaltungsakten des Nazi-Regimes tauchten sie als ernster Bibelforscher oder kurz Bibelforcher auf.
00:46:41: Historisch handelt es sich um eine relativ junge christliche Bewegung, die um nineteenhundert in den USA entstanden war.
00:46:49: Zum besseren Verständnis benutze ich die heute übliche Bezeichnung Zeugen Jehovas.
00:46:55: In Deutschland wuchs die Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg rasant.
00:46:59: Ninzehundertachzehn gab es nur wenige tausend Zeugen jehovas Anfang der dreißiger bereits zwischen zwanzig und dreißigtausend.
00:47:08: Die Mehrheitsgesellschaft begegnete dieser neuen Gemeinschaft mit großen Misstrauen.
00:47:14: Die Zeugen Jehovas pflegten Glaubensüberzeugungen, die ganz anders waren als die von Katholiken oder Protestanten.
00:47:21: Außerdem war ihre Organisation betont international und hierarchisch ausgerichtet.
00:47:27: Und schließlich betonten sie offensiv ihre staatsferne Haltung indem Sie zum Beispiel nicht an Wahlen teilnahmen.
00:47:35: Bemerkenswörterweise waren es dann aber genau diese in der Republik Arckwünne speugten Eigenarten, die die Gemeinschaft gegen den Nationalsozialismus weitgehend immunisierte – ja sie sogar immer stärker in Opposition zum braunen Staat brachte.
00:47:50: Zwar hatte die Leitungsebene der Zeugen zunächst versucht mit dem Regime zu kooperieren, aber dieser Kurs endete in einer Sackgasse Denn Hitlergroß, Massenveranstaltungen der NSDAP und Parteimitgliedschaft verstießen gegen ihre Glaubensüberzeugungen waren Götzendienst.
00:48:08: Auf immer neue Übergriffe durch SA-Schläger und Polizei reagierte die Gemeinschaft mit verstärkter Kritik in ihren mittlerweile im Untergrund vertriebenen Publikationen.
00:48:19: Bald kam öffentliche Flugblattaktion hinzu und im Herbst, hier soll Hitler's Reichskanzlei schließlich von über zwanzigtausend Briefen und Telegrammen von Zeugen-Gemeinschaften aus der ganzen Welt bombardiert worden sein.
00:48:33: Im Frühjahr, dass in S Regime dann die Religionsgemeinschaft offiziell verbot.
00:48:40: Das war kein Zufall denn die Wiedereinführung der Werflicht im März hatte zu einer weiteren Eskalation der Verfolgungen geführt.
00:48:48: Männliche zeugen Jehovas verweigerten Reihenweise den Wehrdienst.
00:48:53: Mindestens zweitausendfünfhundert deutsche Gemeindemitglieder kamen bis nineteenhundertvierzig in ein Konzentrationslager.
00:49:02: Mehr als doppelt so viele, nämlich rund sechstausend wurden zu Haftstrafen in Gefängnissen verurteilt vor allem von Sondergerichten.
00:49:10: Die meisten Urteile fielen vermutlich in späteren Jahren – das heißt der Verfolgungsdruck nahm mit der Zeit erheblich zu.
00:49:17: Gemessen an den totalen Zahlen bildeten die Zeugen Jehovas also nur eine kleine Minderheit in Gefängnissen.
00:49:24: Trotzdem galten sie gerade wegen ihrer Standhaftigkeit als hochgefährliche Gegner, und weil das so typisch ist für das Nazi-Regime spugten in den Köpfen seiner Vertreter allerhand Verschwörungserzählungen.
00:49:37: So bemängelte beispielsweise Wilhelm Krone im Sommer, die Gerichte würden die Zeugen Jehovas viel zu harmlos behandeln.
00:49:48: Es handele sich um eine absolut staatsgefährliche Vereinigung von ein bis zwei Millionen, die zudem von den Kommunisten unterwandert sei.
00:49:58: Sein vorgesetzter Reichsjustizminister Gürtner stimmte dieser Sichtweise übrigens ausdrücklich zu.
00:50:05: Immerhin nicht jeder im Strafvollzug glaubt dann eine Verschwörung.
00:50:09: Ein Generalstaatsamwalt sah in den Zeugen Jehovas nicht mehr als trottelhafte Typen.
00:50:15: Wieder andere fühlten sich von der Standhaftigkeit der Gläubigen herausgefordert, darunter etwa der Direktor des Gefängnisses Eisenach Heinz Brandstetter.
00:50:25: Brandstätter hatte seine Karriere im Justizdienst der Republik als Sozialarbeiter begonnen – auch in der Arbeitsgemeinschaft für Reformen und des Strafvollzugs hatte er sich engagiert!
00:50:35: Als einer der wenigen, war er nach der Machtübernahme aber nicht entlassen worden und richtete sich dann schleunigst in den neuen Verhältnissen ein.
00:50:43: Mit Erfolg, denn bald wurde er zum Direktor der Haftanstalb befördert.
00:50:48: Dort konzentrierte er sich und reiß ich auf eine Gruppe von Zeugen Jehovas die er von der Falscheid ihrer Ierlehre überzeugen wollte um sie für das Dritte Reich zu gewinnen.
00:51:01: Die Männer mussten an Sonderkursen teilnehmen und wurden auch in ihren Zellen nicht in Ruhe gelassen.
00:51:06: Die Indoktrination fruchtete aber nichts, und so beendete Brandstätter sein Experiment nach nur einem Jahr.
00:51:13: Viele Nachahmer fand dieser Versuch nicht.
00:51:16: Stattdessen setzten die meisten Gefängnisverwaltungen auf Repression.
00:51:20: Wenn Zeugen Jehovas aus Gewissensgründen die Gefängnisarbeit verweigerten, wurden sie mit Arrest bestraft!
00:51:27: Der Direktor der Anstalt Ich Das Hausen kommentierte bei so einem Fall, der Mann müsse wohl oder über den Rest seiner Haftzeit immerhin einhundertzwanzig Wochen bei Wasser und Brot in Isolation verbringen.
00:51:40: Denn mit dem dicken Kopf darf ein Strafgefangener nicht durchkommen.
00:51:45: Dabei tut der Mann mir aufrichtig
00:51:46: Leid.".
00:51:48: In anderen Fällen blieb die Repression nicht auf das Innere des Gefängnisses beschränkt – sie traf dann auch die Familien.
00:51:56: So war es bei Otto Grashof, der im März, und dreißig wegen Wehrdienstverweigerung zu vier Jahren Haft verurteilt wurde.
00:52:05: Als er nicht damit aufhörte sein Urteil mit schriftlichen Eingaben anzufechten, wurde erst seine Ehefrau verhaftet dann seine Kinder in staatliche Obhut genommen.
00:52:15: Aus Protest trat er in einen Hungerstreik.
00:52:18: Obwohl ihn die Gefängnisbehörden Zwangs ernähren ließen starb er Anfang nineteen hundertvierzig an den Folgen der Unterernährung.
00:52:25: Damals wog er kaum mehr als vierzig Kilogramm.
00:52:31: Neben den politischen Häftlingen saßen eben auch solche Menschen im Gefängnis, die wir aus heutiger Perspektive als kriminell bezeichnen würden – also Menschen, die wegen Eigentums oder Gewaltdelikten verurteilt worden waren.
00:52:44: In den meisten Knesten dürfen sie sogar die zahlenmäßig größte Einzelgruppe gestellt haben.
00:52:50: Mit der Machtübernahme der Nazis begann der Siegeszug der Kriminalbiologie.
00:52:55: Schon in der ersten deutschen Republik hatte diese Lehrer eine größer werdende Rolle gespielt.
00:53:00: Aber jetzt wurde sie dank eifriger Förderung des Regimes zu unangefochtenen und vor allem nicht mehr kritisch hinterfragten Leitdisziplinen der Verbrechensbekämpfung.
00:53:10: Die Unis schufen viele neue Lehrstühle, um bis die Kriminalbiologischen Untersuchungen standardisiert wurden.
00:53:19: Neben der Polizei kam den Gefängnissen hier eine Schlüsselrolle zu.
00:53:24: Über siebzig Strafanstalten führten regelmäßig Untersuchungen an ihren Heftlingen durch.
00:53:29: Die Ergebnisse schickte man an sogenannte kriminalbiologische Sammelstellen zur weiteren Auswertung und Systematisierung.
00:53:37: Die Datensammelwut der Gefängnisse ergänzte also die, der Polizei.
00:53:42: Die praktische Folge der Vernetzung war dass Straftäterinnen und Straftätern schneller und leichter als sogenannte Gewohnheitsverbrecher verurteilt werden konnten.
00:53:52: Eine echte wissenschaftliche Grundlage hatte das Verfahren aber nicht, das möchte ich hier nochmal betonen.
00:53:57: Die Zuschreibungen in den Akten waren Charakterbeurteilungen – keine methodisch sauber kontrollierten Gutachten über Zusammenhänge zwischen Psyche und Verhalten.
00:54:08: Die verwendeten Begriffe entsprachen fast immer schon dem für einen bestimmten Verbrechertypen definierten Merkmalen.
00:54:16: Asozialer Trinker Berufsabtreiberin Asozialle Persönlichkeit Haltlosigkeit Hang zum Verbrechen.
00:54:24: Manchmal wurde die Zuordnung zu einem Verbrechertyp auch gleich vorweggenommen – Berufsverbrecher, Gewohnheitsverbrecheren, Gewohnhaltsbettler Sittendirne.
00:54:34: Diese Zuschreibungen abstrahierten von konkreten Lebens- und Tatumständen sowie Persönlichkeitsstrukturen um die staatlichen Maßnahmen rechtlich im Sinne des Gewohnheizverbrechtergesetzes zu begründen.
00:54:47: Mehrfachtäterinnen und Täter wurden so regelrecht abgestempelt.
00:54:53: Wer einmal als Gewohnheitsverbrecher oder Verbrecherin galt, musste damit rechnen das Gefängnis nie wieder zu verlassen.
00:55:00: Denn das Gewohnheizverbrechagesetz hatte die sogenannte Sicherungsverwahrung eingeführt – sie begann wenn man seine Haftzeit abgebüßt hat und war potenziell lebenslang!
00:55:11: Bei der Verurteilung zur Sicherungs-Verwahrungen spielten die Gefängnesverwaltung eine entscheidende Rolle weil Sie den Staatsanwaltschaften solche Insassen melden sollten, die nachträglich zur Sicherungsverwahrung verurteilt werden konnten.
00:55:24: Und davon machten die Beamten umfassend Gebrauch.
00:55:28: Allein in der Jahr und dreißig wurden zwei Drittel der drei tausend siebenhundert Urteile auf Sicherungs Verwahrungen im Nachhinein beantragt.
00:55:38: Für die meisten Gefangenen war die Einführung der Sicherungs- verwahrung ein Schock.
00:55:42: Die Aussicht, das Gefängnis nie wieder verlassen zu dürfen stürzte Sie in eine tiefe psychische Krise!
00:55:49: Doch die Gefängnisleitungen interessierten sich herzlich wenig dafür.
00:55:53: Im August, fürwortete der Direktor des Zuchthauses Remscheid Lütringhausen die nachträgliche Sicherungsverwahrung des Heftlings Gustav T., weil er ein arbeitsscheuer hemmungsloser, karakterschwacher, haltloser Mensch und beharlicher Gewohnheitstieb sei.
00:56:13: Gustav t. wandte sich daraufhin verzweifelt an das Gericht.
00:56:18: Ich bestreite ein unverbesserlicher Dieb zu sein.
00:56:21: Ich war während meiner Straftaten noch sehr jung und mir meine Verbrechen kaum bewusst, Verbreche die mich heute abstoßen und die ich bestimmt nicht mehr ausführen werde.
00:56:31: Ich wäre fast in allen meinen Diebstählen in der Not und in den letzten Diebstehlen die ich neunzehnhundertdreißig begangen habe, habe ich selten mehr mitgenommen als ich zum Leben
00:56:41: brauchte.".
00:56:43: Das Gericht verurteilte Gustav T. im September hier trotzdem zur Sicherungsverwahrung.
00:56:49: Er sei ein gefährlicher Gewohnheitsverbrecher, der durch einen noch so strengen Strafvollzug nicht gebessert wird.
00:56:57: Bis Kriegsbeginn neunzehundertneinunddreißig befanden sich rund viertausend Menschen bereits in Sicherheitsverwierung – einige tausend mehr waren verurteilt, saßen aber noch ihre reguläre Haft ab!
00:57:10: Die allermeisten waren Männer, nur fünf Prozent waren Frauen.
00:57:15: Anders als man heute vielleicht meinen würde war aber nur jeder zehnte Verurteilte – also zur Sicherungsverwahrung verurteilten – ein Gewalt- oder Sexualverbrecher.
00:57:27: Fast alle Sicherungsvorwarten waren Kleinkriminelle, also wegen zahlreicher geringfügiger Diebstähle und Betrügereien straffällig gewordenen.
00:57:37: Sie kam aus städtischen Armenvierteln hatten keine oder nur eine geringfügige Schulbildung genossen und auch keine Berufsausbildung.
00:57:44: Oft waren sie bereits sehr jung auf die schiefe Bahn geraten, dann dort geblieben.
00:57:49: Typischerweise hatten Sie zahlreiche Vorstrafen.
00:57:53: Darum kannten sie auch kaum etwas anderes als das Leben hinter Gittern.
00:57:57: Stabile soziale Beziehungen außerhalb des Knastes hatten die wenigsten – weshalb es ihnen umso schwerer fiel nach einer Haftstrafe wieder Fuß zu fassen!
00:58:06: Ohne Ausbildung, ohne Berufserfahrung musste man sich mit Gelegenheit und Hilfsarbeiten über Wasser halten was die Wahrscheinlichkeit für weitere kleine Diebstähle oder Betrügereien erhöhte.
00:58:17: Ein Mantel hier eine Lohntüte dort schwarz fahren usw.. Am Ende wurde man erwischt und sah es wieder ein.
00:58:27: Und um das hier an dieser Stelle nochmal klarzustellen Mit dieser Schilderung der Lebensumstände will ich jetzt diese aus heutiger Sicht ja auch als kriminell geltenden verhaltensweisen nicht entschuldigen also im sinne von.
00:58:41: diese personen gehören nicht in irgendeiner Weise bestraft.
00:58:44: ich möchte jetzt hier keine strafrechtspolitische stellung beziehen.
00:58:48: ich möchte nur deutlich machen was die hintergründe sind und vor allem bei dem Thema Sicherungsverwahrung, wer die Hauptbetroffenen waren.
00:58:57: Im Nicht-Gewalt oder Sexualverbrecher – so wie wir uns das vielleicht vorstellen – wenn wir sagen, so jemand sollte nie wieder die Gesellschaft gefährden?
00:59:08: Das an dieser Stelle als freier
00:59:10: Einschub.".
00:59:13: Für die Sicherungs Verwahrungen wurden im Laufe der Dreißigerjahre drei Haftanstalten bestimmt.
00:59:19: Gräfentonner, Rehntzburg und Werl.
00:59:23: Andere Gefängnisse unterhielten eigene Sondertrakte.
00:59:27: Die Zustände in der Haft unterschieden sich aber auch gar nicht von den verschärften Bedingungen der Zuchthäuser – es galt weiterhin strengste Disziplin, das Essen war weiterhin schlecht und die medizinische Versorgung weiterhin kaum der Rede wehrt!
00:59:43: Und obwohl viele Sicherungsverwarte im fortgeschrittenen Alter waren, rund ein Viertel war jenseits der Fünfzig, mussten sie genauso harte Zwangsarbeit leisten wie alle anderen Insassen.
00:59:54: Die eigentliche Qual für die Sicherungs- verwarten war die völlige Perspektivlosigkeit.
01:00:01: Zwar gab es laut Gesetz alle drei Jahre eine Prüfung der Voraussetzung also einer Haftprüfung – die fiel aber fast immer negativ aus!
01:00:11: Nur einige hundert Häftlinge wurden vor Kriegsbeginn wieder aus der Sicherungsverwahrung entlassen.
01:00:17: Die Folge waren Depressionen, starker Gewichtsverlust und Selbstmordversuche.
01:00:22: Franziska K., die wegen kleiner Radiebstähle verurteilt worden war schrieb an ihre Familie «Meine Lieben ich bin ganz erbittert hier zu sitzen nicht zu wissen warum und wie lange und noch weiter als Sträfling behandelt zu werden.
01:00:38: Ich werde noch wahnsinnig wenn das so weitergeht.
01:00:41: Das ist ein langsamer Selbstmord.
01:00:44: Berichte über die verzweifelte Lage der Sicherungsverwarten kletterten im Laufe der Zeit die bürokratische Leiter Empor und kamen auch ins Reichsjustizministerium.
01:00:55: Die Beamten dort sahen aber keinen Grund zur Sorge, denn Suizide-und Selbstverstömmelung habe man entkauft zu nehmen.
01:01:04: Ihr Chef Staatssekretär Roland Freisler meinte gar Mitleid laufe in solchen Fällen auf Grausamkeit gegenüber dem Volksganzen hinaus.
01:01:16: Ein Lieblingsthema, der nationalsozialistischen Propaganda war die Bekämpfung von Sexualdelikten.
01:01:24: Das lag zum Teil daran dass es sich dabei bereits um ein öffentliches Aufregerthema der Weimarer Zeit gehandelt hatte und weil damals der Ruf nach hartem Durchgreifen auch schon laut gewesen war konnten die Nazis bei Maßnahmen in diesem Deliktfeld mit besonders hoher Akzeptanz rechnen.
01:01:42: Wie die Sicherungsverwahrung war, nämlich auch die Zwangskastration bereits vor neunzehnhundertdreinund dreißig diskutiert worden.
01:01:50: Und wie die Sicherung Verwahrungen ließ sie sich dann einführen als der Rechtsstaat keine Schranken mehr setzte.
01:01:57: Zwischen neunzenhundertvier und dreißzig wurden etwa zweitausend Männer zwangskastriert.
01:02:04: Wenn man den Angaben der Behörden glauben kann betraf diese Maßnahme vor allem sexual vergehen an Kindern.
01:02:11: Ein Teil wurde aber nachweislich auch wegen gewaltloser Taten wie etwa Exhibitionismus zwangskastriert.
01:02:19: Mehr als ein Viertel befand sich dann sogar noch länger hinter Gittern und wurde nachträglich von den Gefängnisbeamten zur Sicherungsverwahrung vorgeschlagen.
01:02:30: Im Vergleich zu Sterilisation ist die Kastration einen nochmal sehr viel größerer und auch gefährlicher medizinischer Eingriff Denn bei der Sterilisation, da werden die Samenleiter durchgeschnitten oder die Zeugungsfähigkeit durch Bestrahlung beeinträchtigt.
01:02:46: Bei der Kastration werden die Hoden vollständig entfernt.
01:02:51: Aber wegen der medizinischen Gefahren war der Eingriff nicht umstritten – er war wegen etwas anderem umstriten und zwar wegen der schlechten Datenlage im Hinblick auf seine Wirksamkeit!
01:03:05: Manche einen Kriminologe gab zu bedenken, dass die Erfahrungen mit der Zwangskastration noch so neu und unerforscht seien, das man nicht sagen könne ob die Täter von weiteren Sexualverbrechen abgehalten würden.
01:03:19: An solchen methodischen Feinheiten stört sich die Befürworter der Zwingkastration nicht.
01:03:24: Ein Gefängnisarzt aus Wuppertal?
01:03:26: argumentierte in einem Gutachten, die Entmannung befreie das Volk von diesem Sittlichkeitsverbrecher.
01:03:33: Zugleich wirkt sie als Sterilisierungsmaßnahme und drittens ersetzt sie die sonst notwendige Sicherungsverwahrung.
01:03:41: Ein Berliner Gefängnisarzt meinte simpel Zwangskastration sei die billigste Methode zum Schutz der Volksgemeinschaft.
01:03:48: Der gleiche Arzt rühmte sich übrigens die OP in unter acht Minuten durchführen zu können.
01:03:54: Ein renommierter Psychologe äußerte sich in einer juristischen Fachzeitschrift, ebenfalls positiv über die Effekte der Zwangskastration.
01:04:05: Durch die Kastration wird er unbändige Hengst und der wilde Stier zum längsamen Wallach- und geduldigen Arbeitsochsen umgebildet.
01:04:14: Analog kann man auch erwarten, dass die Kastreierten sich im Allgemeinen leicht dem großen Arbeitsprozess der Nation eingliedern lassen werden.
01:04:24: Das Pudelskern steckt hier in der Formulierung, kann man erwarten.
01:04:28: Denn die Kritiker hatten recht – über die mittel- und langfristigen Folgen einer Kastration war damals einfach viel zu wenig bekannt.
01:04:35: Das sah auch der medizinisch-polizeiliche Komplex des braunen Sicherheitsapparates so und ließ die meisten Zwangskastrierten nachträglich überwachen.
01:04:46: Ironischerweise sind wohl nur deshalb die zahlreichen Spätfolgen der Zwangskastration ausführlich dokumentiert….
01:04:53: Sie reichten von periodischen Schmerzen an der OP-Naht über Fettleibigkeit und Schweißausbrüche bis hin zu Antriebslosigkeit und Depression.
01:05:03: Auch Selbstmorde kamen vor.
01:05:06: Und wie stand es nun um die Wirksamkeit der Zwangskastration, also den einzigen Maßstab, der in der Nazi Diktatur offenbar zählte?
01:05:14: Von offizieller Seite wurde die Rückfallquote auf zwei bis fünf Prozent geschätzt!
01:05:19: Skeptiker verwiesen jedoch auf Zahlen, demnach bis zu vierzig Prozent der Zwangskastrierten weiterhin sexuell aktiv blieben.
01:05:27: Diese Unsicherheit schlug sich bald auch vor Gericht nieder – und zwar zur Ungunsten der Betroffenen.
01:05:33: Bereits in den letzten Jahren erklärte das Reichsgericht in einem Urteil, dass Zwangskastration und Sicherungsverwahrung sich nicht gegenseitig auszuschließen brauchten.
01:05:44: Die fachliche Auseinandersetzung über die Wirksamkeit der Zwangskastration hielt das Regime aus der Propaganda heraus.
01:05:52: Stattdessen wurden in Zeitungen und Zeitschriften teils ausführlich und mit Fotos über einzelne Fälle berichtet.
01:05:59: Das Dritte Reich, so die Botschaft, griff erbarmungslos durch gegen alle Sittensträuche.
01:06:06: Zu diesen Sitten Sträuchen zählte das Dritte Reich auch homosexuelle Menschen – das war keinesfalls neu!
01:06:13: Homosexualität war auch im Kaiserreich ein öffentliches Tabuthema gewesen und insbesondere betraf, dass die männliche Homosexualkeit, die polizeilich verfolgt wurde.
01:06:24: Das Strafgesetzbuch von Achtzehnhundertseinundsiebzig verbot in Paragraph Hundertfünfundsibzig die wiedernatürliche Unzucht welche zwischen Personen männlichen Geschlechts begangen wird.
01:06:35: Sex zwischen Männern blieb auch nach der Novemberrevolution Ninzehundertachzehn offiziell strafbar.
01:06:41: Also der Paragraf hundredfünfundsiebzig blieb einfach unverändert in Kraft.
01:06:46: Allerdings ging der Verfolgungsdruck in der ersten Republik deutlich zurück.
01:06:51: Unter dem Schutz der Grundrechte begann in einigen Großstädten, insbesondere Berlin und Hamburg eine homosexuelle Subkultur aufzublühen mit Kneipen, Tanzlokalen und Vereinen.
01:07:03: Nicht zuletzt aufgrund des politischen Aktivismus der Betroffenen selbst diskutierte die Politik bald ernsthaft über die Abschaffung des Paragrafen Hundertfünfundsiebzig.
01:07:13: Sehr zum Ärger konservativ eingestellter Kreise, die gegen diese Liberalisierung waren.
01:07:20: Sie forderten Strafverschärfungen und staatliche Zwangstherapien zur – in Anführungszeichen Heilung von Homosexuellen.
01:07:28: Das war kein Zufall, denn der Blick auf Homosexualität war damals ein zutiefst medizinisch-pathologischer Blick.
01:07:35: Das galt selbst für viele die für die Rechte und den Schutz von Homosexuellen eintraten.
01:07:41: Für die Gegner machte das die Sache insofern einfach als die Homosexualität einfach als Krankheit hingestellt wurde, die wenn sie nicht bekämpft wurde zu einer Epidemie werden konnte.
01:07:53: Die Logik dahinter war eine Logik der Rassenhygiene bzw.
01:07:56: Eugenic.
01:07:57: Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse steckten nicht dahinter.
01:08:01: Die lieferten ironischerweise vor allem die Verteidiger der homosexuellen Rechte, wie etwa das Institut für Sexualwissenschaften von Magnus Hirschfeld.
01:08:11: Stattdessen kleideten die Gegner einfach nur ihre althergebrachten Klischees und Vorurteile in eine pseudomedizinische Sprache.
01:08:20: Diese quasi apokalyptische Rhetorik funktionierte ungefähr so... Da Homosexuelle keine Kinder zeugen, schadeten sie ja der Geburtenrate.
01:08:31: Eine niedrige Geburtonrate müsse zwangsläufig zum Aussterben der Deutschen führen.
01:08:37: Homosexualität breite sich außerdem bekanntlicherweise schleichend aus weil homosexuelle Bevorzug Jugendliche verführten.
01:08:46: Deshalb müsse man besonders wachsam sein als Gesellschaft, denn sonst würde man ja erst aufwachen wenn der Volks tot bereits unaufhaltsam sei.
01:08:57: Apropos Wachsamkeit natürlich operierten Homosexuelle in den Schatten indem sie geheime Klicken formten die heimtückische Anschläge auf das Gemeinwesen planten.
01:09:09: Ja Und weil homosexuelle Handlungen das Schamgefühl der Allgemeinheit verletzten, würden sie die allgemeinen Standards der Sittlichkeit untergraben.
01:09:17: und eine Gesellschaft ohne Sittigkeit die bricht zusammen.
01:09:22: Ihr seht um alles was vermeintlich schiefläuft in einem Land einer kleinen Minderheit in die Schuhe zu schieben braucht man weder TikTok noch Telegramm.
01:09:31: Aber ne gut gehen wir einen Schritt weiter.
01:09:34: Auftritt Die NSDAP.
01:09:37: Die Nazis griffen nämlich diese anti-homosexuellen Vorteile auf und bauten sie in ihre Rassenlehre ein.
01:09:44: Auf den Punkt gebracht, ist diese sichtweise in einem Wahlkampfpumpfled aus dem Jahr nineteenhundertundzwanzig das vermutlich von unserem alten Bekannten Alfred Rosenberg stammte.
01:09:56: Also warum Homosexualität zum Aussterben der arischen Rasse führen muss laut Alfred Rosenberg?
01:10:04: Nicht nötig ist es, dass du und ich leben.
01:10:07: Aber nötigt ist das, daß das deutsche Volk lebt!
01:10:11: Und Leben kann es nur wenn er kämpfen will, denn Leben heißt Kämpfen... ...und Kämpfen kann es NUR wenn es sich mannbar hält.
01:10:19: Mannbar ist es aber nur wenn es Sucht übt vor allem in der Liebe.
01:10:24: Unzüchtig ist freie Liebe.
01:10:27: Darum lehnen wir sie ab wie wir alles ablehnen was zum Schaden des Volkes
01:10:32: ist.".
01:10:33: außer Angriffskriege führen, aber anderes Thema.
01:10:36: Wer gar an Mann männliche oder weibliche Liebe denkt ist unser Feind!
01:10:42: Alles was unser Volk entmannt zum Spielball seiner Feinde macht lehnen wir ab, denn wir wissen das Leben Kampf isst und Wahnsinn zu denken die Menschen lägen sich einst brüderlich in den Armen.
01:10:56: Die Naturgeschichte lehrt uns anderes, der Stärkere hat Recht und der Stärke wird immer sich gegen den Schwächeren durchsetzen.
01:11:04: Heute sind wir die Schwächeren.
01:11:06: Sehen wir zu, dass wir wieder die Stärkeren werden – das können wir nur wenn wir Zucht üben!
01:11:12: Wir verwerfen darum jede Unzucht vor allem die Mann-männliche Liebe weil sie uns der letzten Möglichkeit beraubt jemals unser Volk von den Sklavenketten zu befreien unter denen es jetzt
01:11:26: front.".
01:11:28: Im Wahlkampf beließen es die Nazis übrigens nicht.
01:11:31: bei ideologischen Erklärungen wie dieser.
01:11:34: Auch mit besonders radikalen Forderungen sorgten sie für Aufmerksamkeit.
01:11:38: So kündete der völkische Beobachter an, wie die Partei mit Homosexuellen umzugehen gedenke wenn sie einmal an der Macht sei.
01:11:48: Da in der Homosexualität alle boshaften Triebe der Judenseele vereinigt seien, müsse man sie als das gesetzlich kennzeichnen was sie sind – als aller schwerste mit Strang und Ausweisung zu Ahnende verbrechen!
01:12:04: Im Vergleich zu diesen brutalen Versprechungen passierte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zunächst einmal vergleichsweise – ich betone vergleichweise wenig.
01:12:16: Ja, der Verfolgungsdruck nahm wieder deutlich zu.
01:12:20: Insbesondere wurden Zeitungen und Vereine verboten, Kneipen und Lokale geschlossen.
01:12:25: Auf das Institut für Sexualwissenschaften von Magnus Hirschfeld gab es einen brutalen Angriff.
01:12:31: Das Institut wurde geschlossen, Hirschfeld musste ins Exil gehen.
01:12:35: Das wäre sicherlich ein Thema für eine Bonusfolge aber zu Massenverhaftungen kam es zu diesem Zeitpunkt noch nicht in dem späteren Ausmaß.
01:12:45: Die Strafverfolgung nach Paragraph onehundert fünfundsiebzig stieg wie gesagt nochmal im Vergleich langsam an.
01:12:52: In den letzten Jahren gab es gerade einmal Hundert- und Achtzig Verurteilungen mehr als in den Seinenzehnten, da waren es Vierhundertsechzig.
01:13:03: Das lag vermutlich weniger daran, dass die Nazis plötzlich weich geworden waren – denn unter der Hand liefen bereits die Vorbereitung!
01:13:11: Viele der Razzien gegen die homosexuelle Subkultur gingen auf die Initiative von Hermann Göring zurück, der sich dadurch zum Vorkämpfer einer neuen Sittlichkeit stilisieren wollte….
01:13:23: Ausgerechnet Hermann Göring, aber nun gut.
01:13:26: Auf Weisung Görings richtete das Geheimstaatspolizeiamt im Sommer für die Bearbeitung von homosexuellen Fällen ein.
01:13:38: Zu den ersten Maßnahmen zählte wie so oft die Datenerfassung Ende der Jahrhundert und Dreißig forderte das Gestapo von allen regionalen Dienststellen Listen mit Personen an, die sich in der Vergangenheit homosexuell betätigt hätten.
01:13:54: Das sind die Ursprünge der berühmtberüchtigten sogenannten Rosa-Listen.
01:13:59: Die Dämme brachen dann aber erst mit der Röhm-Affäre.
01:14:03: Dass er ermordete SA-Führer Röm Schwul war, war ein offenes Geheimnis.
01:14:08: Hitler und die Nazis nutzten diese Tatsache.
01:14:10: Und behaupteten, sie hätten eine homosexuelle Verschwörung niedergeschlagen.
01:14:15: Im Herbst, in Berlin wurde eine Großratze durchgeführt nach der mehrere hundert Menschen in Schutzhaft genommen oder vor Gericht gestellt wurden.
01:14:26: Im Sommer, im Sommer, war dann der Paragrafhundertfünfundsiebzig des Strafgesetzbuch wesentlich verschärft.
01:14:34: Nun reichte schon Händchen halten oder ein Kuss, oder das zusammen über die Straße gehen um wegen Unzucht angeklagt zu werden.
01:14:43: Sexuelle Handlungen mit Minderjährigen – Die Grenze lag damals bei einundzwanzig Jahren – wurden besonders scharf unter Strafe gestellt.
01:14:50: Das entsprach dem verbreiteten Vorurteil des Pädophilie nichts mehr sei als eine besonders verwerfliche Ausprägung von Homosexualität.
01:15:00: Die Juristen begrüßen die Strafverschärfungen mehrheitlich.
01:15:04: Der Präsident des Landgerichts Bielefeld meinte zum Beispiel, nun habe die Justiz endlich ein unentbärliches Mittel zum Ausbrinnen derartiger Geschwüre am Volkskörper bekommen.
01:15:17: Es blieb nicht bei der Gesetzesverschärfung – überall in Deutschland bildeten die Polizei jetzt neue Sondereinheiten, die z.B.
01:15:24: männliche Prostituierte dazu zwangen als Spitzel zu arbeiten.
01:15:29: Allein in den vier Jahren zwischen neunzehntundertsechsunddreißig und neununddreißig wurden annähernd dreißigtausend Männer wegen Homosexualität zu Gefängnisstrafen verurteilt.
01:15:40: Das war ein gewichtiger Unterschied zur Republik, damals entschieden die Gerichte meistens auf Geldstrafe – Haftstrafen von einem Jahr waren damals sehr unüblich!
01:15:50: Im Dritten Reich waren sie die Regel.
01:15:53: Die Haftbedingungen für Homosexuelle waren in den Gefängnissen schärfer als für andere gefangenen Kategorien.
01:15:58: Die Strafvollzugsbehörden sahen in den Männern eine Gefahr für die Ordnung und Sittlichkeit in ihren Anstalten, deshalb wurden sie womöglich von den anderen Gefangenen isoliert und unter besonders strenger Aufsicht der Werter gestellt.
01:16:14: Wer in den Verdacht sexueller Handlungen mitgefangenen geriet, wurde streng bestraft.
01:16:21: Denunziationen von Mitgefangenen waren alltäglich und dabei musste es auch nicht bei Gefängnis internen Disziplinar-Konsequenzen bleiben.
01:16:29: Wenn das Gefängnis nämlich Anzeige, was oft geschah – bei der Staatsanwaltschaft erstattete – dann gab es neue höhere Haftstrafen.
01:16:40: Obwohl weibliche Homosexualität strafrechtlich nicht verboten war wurde auch sie hinter Gefängnessmauern gleichsam streng geahndet.
01:16:48: Ein solcher Fall ist der von Frieda R., die im Frauengefängnis Eichach einsaß.
01:16:55: Eines Tages fand eine Aufseherin ein Zettel unter Friederssachen in dem Stand, öffne dieses Blatt und du findest mein
01:17:03: Herz.".
01:17:05: Dieser kleine Liebesbeweis brachte Frida zehn Tage Arrest bei Wasser und Brote ein.
01:17:12: Aber zurück zur Organisation der Haftbedingungen.
01:17:15: Die trieb die Gefängnisverwaltungen derart um dass das Reichjustizministerium allgemeine Empfehlungen ausgab.
01:17:23: Die Berliner Zentrale schlug zum Beispiel für Anstalten, die nicht genug Platz für die Isolation hatten ein sogenanntes Verdünnungsprinzip vor.
01:17:33: Die Homosexuellen sollten dazu auf so viele Trakte und Gemeinschaftszellen wie möglich verteilt werden – wo sie sich dann wie überall einer großen Mehrheit sexuell nicht pervertierter gegenübersehen die sie aus dem auch unterstrafgefangenen, sehr verbreiteten gesunden Abscheu gegen die Homosexualität heraus unter Kontrolle halten.
01:17:58: Soweit bekannt übernahmen die meisten Strafanstalten diese Empfehlungen dankend.
01:18:04: Um die Mithäftlinge zu aktivieren, heifen die Wärter des Öfteren auch eigenhändig nach und strichen die Namensschilder homosexueller Gefangener mit roter Farbe an.
01:18:16: Homosexuelle wurden von der Justiz also als Sexualverbrecher verfolgt.
01:18:23: Allerdings waren sie von der Zwangskastration offiziell ausgenommen.
01:18:28: Diese Ausnahme begründete das Reichsjustizministerium bereits in den letzten Jahren mit der Wirkungslosigkeit der Maßnahme.
01:18:37: Die Erfahrungen mit der an Homosexuellen vorgenommenen Entmannung sind nicht günstig, In den meisten Fällen sei der Eingriff zum Zwecke der Heilung ihrer perversen Triebrichtungen wirkungslos geblieben.
01:18:51: Natürlich führte dieser Einsicht nicht dazu, dass die Herren im Reichsjustizministerium mal ihre Annahmen über die Wiedernatürlichkeit der Homosexualität hinterfragten.
01:19:04: Als Sexualstraftäter hatten homosexuelle allerdings die Möglichkeit freiwillig sich kastrieren zu lassen um ihren guten Willen zu zeigen!
01:19:13: Wobei das Freiwillig ganz wichtig in große Anführungszeichen gesetzt werden sollte.
01:19:20: Nach dem Krieg berichtete zum Beispiel ein homosexueller Mann, dass ganze hat mit freiwillig nichts zu tun und mir wurde dazu geraten.
01:19:29: man sagte mir ich könnte anderenfalls eventuell von der Gestapo in Empfang genommen werden und was das heißt konnte ich mir wohl denken.
01:19:39: Das war keine leere Drohung, denn jeder Gefangene konnte nach dem Ende seiner Haftzeit in die Fänge von Gestapo oder Kripo geraten.
01:19:47: Und das hieß nichts anderes als Konzentrationslager.
01:19:53: Vom Gefängnis direkt ins Konzentationslager – das war definitiv kein Einzelfall sondern gängige Praxis!
01:20:01: Nach dem Krieg breitete die Justiz über diese Tatsache der Mantel des Schweigens Und dazu hatte sie auch allen Grund, denn die Polizei verfuhre nicht etwa auf eigene Rechnung sondern in enger Abstimmung mit der Justiz.
01:20:16: Die Wurzeln dieses Verfahrens reichten zurück bis in die erste Jahreshälfte, und damals beklagte sich der preußische Justizminister Kerl das aktiven, volksschädlichen Elemente wenn die Beweise für eine Anklage nicht ausreichten.
01:20:33: Aus der Untersuchungshaft entlassen wurden und so in der Lage sein ihr staatsgefährliches zersetzendes Treiben ungestört
01:20:40: vorzusetzen.".
01:20:43: Kerl befahl dem preußischen Staatsanwaltschaften deshalb solche Untersuchung gefangene an die Polizei zu melden, die dann darüber zu entscheiden hatte ob sie eventuell in Schutz oder vorbeugehaft genommen werden, also sprich in ein Konzentrationslager verschleppt werden sollten.
01:21:01: Hauptbetroffene waren zunächst politische Gefangene – aber sehr bald traf es auch diejenigen, die als sogenannte Gewohnheits- oder Berufsverbrecher eingestuft waren.
01:21:12: Die Meldungen der Strafvollzugsbehörden an die Polizei zogen immer weitere Kreise und erfassten schließlich selbst Gefangener, die vor dem Ende ihrer Haftzeit
01:21:21: standen.".
01:21:21: In den letzten Jahren war das Reichsjustizministerium steuernd ein und gab allgemeine Richtlinien heraus, also auch in dieser Hinsicht ist der Jahr ein Schlüssel.
01:21:34: Bis zum Kriegsbeginn wurden so die persönlichen Daten von Zehntausenden Gefangenen an die Polizei weitergegeben.
01:21:41: Viele der Betroffenen kamen – zumindest für eine gewisse Zeit – anschließend in einen Konzentrationslager nach dem Verbüßen ihrer Haftzeit.
01:21:49: Die Entscheidung über eine Schutz- bzw.
01:21:52: Vorbeugehaft fällten die Polizeibehörden auch auf Basis von Berichten, die die Gefängnisleitungen über die Häftlinge extra zu diesem Zweck erstellten.
01:22:03: Dazu wurde das Verhalten während der Haft beurteilt, Briefwechsel ausgewertet, Angehörige oder manchmal noch der Häftlingen selbst befragt.
01:22:11: Gelegentlich bat man sogar andere Behörden um Amtshilfe auf der Suche nach verwärtbaren Informationen.
01:22:18: Maßstab der Entscheidung waren wie überall, am Ende wieder dieselben pseudo-wissenschaftlichen Charakterbeurteilungen wie bei den anderen kriminalbiologischen Datenerfassungen.
01:22:30: Zum Beispiel schrieb dann der Direktor der Strafanstalt Kassel Wehlheiden über Friedrich Z., der wegen vermeintlicher Hetzrede in einer Kneipe verhaftet worden war – er ist ein vollständig asozialer Mensch, der seit Jahrhundert neunzehn in krimineller Hinsicht immer wieder rückfällig wurde!
01:22:48: Auch in Zukunft besteht die Gefahr, dass er sein hetzerisches Treiben in politischer Hinsicht fortsetzt.
01:22:54: Es kann deshalb nur nützen wenn Zet noch einige Zeit ausgerichtet wird – eine Inschutzhaftnahme ist deshalb erwünscht!
01:23:04: In diesem Fall sah das die Polizei ausnahmsweise mal anders und ließ Friederich Zett unbehelligt.
01:23:10: Über einen wegen Totschlags verurteilten schrieb der Direktor des Suchthauses Ebrach Aufs Ganze gesehen, er weckte er eigentlich auch nach so langer Strafzeit keinen Vertrauen.
01:23:22: Er ist ein heißblütiger brutaler Mensch der durch seine vielen einschlägigen Vorstrafen sein asoziales Wesen bewiesen hat.
01:23:31: Aus erzieherischen Gründen und zum Zwecke einer ernsten und eindringlichen Warnung wäre es daher wohl doch zu empfehlen ihn nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus eine entsprechende Zeitlang im polizeiliche Vorbeugehaft zu nehmen.
01:23:48: Bezeichnenderweise wussten die Gefangenen oft gar nicht, dass im Hintergrund über ihr Schicksal verhandelt wurde.
01:23:55: Eine als Kommunist verfolgter Häftlingen erinnerte sich später – niemand vermag sich vorzustellen wie mir zumute war!
01:24:02: Bis zur letzten Minute hat man mich ihm ungewissen gelassen….
01:24:06: ja, man hatte sogar mir gegenüber den Anschein erwägt ich Käme heute frei.
01:24:10: Tatsächlich musste der Mann sechs Jahre in einem Konzentrationslager
01:24:14: verbringen.".
01:24:15: Die Arbeitsteilung zwischen Justiz und Polizei wurde im Reichsjustizministerium grundsätzlich begrüßt.
01:24:22: Ministerialdirektor Krone bekräftigte, dass Volksgemeinschaft und Staat ein dringendes Interesse daran haben – das hartnäckige und unbelehrbare Staatsfeinde auch noch nach Ablauf der Strafzeit in behördlicher Verwahrung gehalten werden.
01:24:41: Allerdings gab es im Verlauf der Zeit ein paar Reibungspunkte.
01:24:45: Zum Beispiel erhob man seitens des RMJ vehemente Einwände, wenn – was in manchen Bezirken durchaus vorkam – ganze Heftlingskategorien pauschal im Konzentrationslager überstellt werden sollten.
01:24:59: Mit humanitären Erwägungen hatte dieser Protest jedoch nichts zu tun.
01:25:03: Die Einzelfallprüfung garantierte ja den Einfluss und die Bedeutung der Strafvollzugsbehörden!
01:25:09: Schließlich befahl das Justizministerium kurz vor Kriegsbeginn eine Änderung des Gutachtens.
01:25:16: Die Gefängnisleitungen durften der Polizei fortan keine Empfehlung für oder gegen die Überstellung ins KZ machen, dahinter steckte ein anderes strategisches Kalkül.
01:25:27: So sehr die Strafvollzugsbehörden die schutzhaft auch befürworteten Mit der formalen Entscheidungsgewalt darüber wollte man nichts zu tun haben, denn die Konzentrationslager waren anders als die Gefängnisse auch formal rechtsfreie Räume.
01:25:44: Die Kooperation zwischen Polizei und Justiz lief also insgesamt wie eine gut geölte Maschine.
01:25:51: Die Justizbeamten konnten sich darauf verlassen dass sie einen Großteil ihrer Schützlinge dauerhaft los wurde ohne das man sich selbst die Hände schmutzig machen musste.
01:26:01: Und solange Polizei und SS den inneren Machtbereich der Justiz respektierten, stand der vertrauensvollen Zusammenarbeit auch für die nächsten Jahre nichts im Wege.
01:26:13: Mein Name ist Jonas Steffern und das war Folge.
01:26:15: thirty-fünfunddreißig dreinzwanzig von Deutschland.
01:26:18: Dreiund Dreißig Fünfundvierzig Ihr Lieben!
01:26:22: Das hat jetzt leider etwas länger gedauert zwischen den Folgen aber dass es ganz einfach den Sommerferien geschuldet.
01:26:29: wie als Familie waren schwer beschäftigt mit Ferienprogramm und außerdem war es zwischendurch einfach so dermaßen heiß, dass ich hier in meinem Dachgeschoss Studio keine Aufnahme machen konnte.
01:26:42: Wann ist die nächste Folge gibt?
01:26:44: Vermag' ich jetzt gerade noch nicht zu sagen weil sich an meiner beruflichen Situation was verändern wird.
01:26:51: dazu kriegt ihr demnächst ein zwei Wochen vielleicht auch erst rein eine Info auf Patreon für alle natürlich lesbar Auf Patreon, apropos vielen Dank an die neuen Patrons.
01:27:05: Ich begrüße ganz herzlich Philipp Err, Stefan K., Sarah Matthias Anna Oliver Florentine Michael Lars Urs Nikolaj und Friederik.
01:27:17: schön dass ihr dabei seid.
01:27:18: Und auf Patreon für alle Patrons gibt es dann demnächst jetzt auch eine neue Bonusfolge.
01:27:23: ich habe mir nämlich überlegt da ich hier eine Dokumentation habe, also eine Dokumentensammlung über das Schicksal der homosexuellen Menschen im Nationalsozialismus.
01:27:34: Dass sich daraus ein paar Quellenvorstelle aus der Frühzeit und aus den ersten Jahren des Regimes und die dann kommentiere, dass ergänzt diese Folge perfekt war nicht dazu der Aufnahme komme weiß ich jetzt nicht so ganz aber ihr seht es denn auf Spotify und auf Patreon wann diese Bonusfolge erscheinen wird?
01:27:53: Die ist natürlich exklusiv für Patreons ab einem bestimmten Level, aber das könnt ihr euch dann im Detail nochmal ansehen.
01:28:02: Für alle zugänglich.
01:28:04: noch mal kleiner Hinweis ist die Tasse Hanna mit dem tollen Zitat der Bismarck Enkelin Hanna von Bredo und dem Logo von Deutschland.
01:28:14: Dreiunddreißigfünfundvierzig, ich habe immer noch ein Karton hier stehen wenn ihr eine haben wollt.
01:28:19: Achtzehn Euro inklusive Mehrwertsteuer plus sechs Euro Versand.
01:28:24: einfach ne E-Mail schreiben mit Stück Saal unter Adresse dann mache Ich Ne Rechnung Fertig.
01:28:29: Deutschland Dreistich Punkt.
01:28:31: Fünfundvierzzig Port EdGmail.com.
01:28:34: Naja meldet euch.
01:28:36: Ach ja und vielen Dank an den Paypal-Spender Tobias.
01:28:40: Danke schön dafür, habe ich mich gefreut!
01:28:44: Wie gesagt wenn es weitergeht zwei Wochen drei Wochen vier Wochen weiß ich nicht.
01:28:48: guckt auf Patreon da poste ich zwischendurch News und dann die Bonusfolge.
01:28:54: jetzt muss ich erstmal nach draußen weil im Dachgeschoss hat sich die Hitze immer noch gestaut von der letzten zwei Tagen.
01:29:02: aber gut Übrigens, die Folge hat jetzt eine Stunde dreißig.
01:29:06: Ich glaube das ist neuer Rekord.
01:29:08: Empfiehlt sie gerne weiter empfiehrt dem Podcast weiter.
01:29:12: ich würde mich freuen bewertet ihnen und immer schön Mundpropaganda betreiben.
01:29:17: Und mal ganz herzliche Dank und ganz liebe Grüße.
01:29:21: geht raus an das Team meiner Produzentinnen und Produzenten.
01:29:24: Das sind diejenigen die mich jeden Monat mit fünfzehn Euro auf Patreon unterstützen.
01:29:29: Das sind Danny Thorsten K Anika Kora Lukas Andre Valentina Nadja Pablo Tobi Hendrik Gerhardt Stephanie Volker Bernd Basti Johannes Linder Frank Thorsten R. Philipp Oliver und Frederik.
01:29:51: Vielen Dank euch Ja, und an alle Macht's gut.
01:29:55: Genießt den Sommer Holt euch keinen Sonnenbrand Und ansonsten bis dahin.
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